Zwischen beschützen und überfordern – welcher Umgang mit dem Patienten ist richtig?

Protokoll vom 21. Oktober 2015

Ablauf:

Begrüßung des Auditoriums und der anwesenden Gäste, Frau Markus – Sellhaus von der LVR Klinik Düren Frau Dangel

Vorstellung des Psychoseseminars Herr Schmidt

Ablauf des Seminars mit Pausen und Getränken und Protokoll erklären und Moderation und Protokoll Frau Dangel

Einstieg – Frau Dangel:

Heute ist das Thema: „Zwischen Beschützen und Überfordern – welcher Umgang mit dem Patienten ist richtig?“ Wir möchten Sie fragen, welche Beispiele Sie dafür haben, dass Betroffene unter- oder überfordert wurden? Oder wann haben Sie sich als Betroffener über- bzw. unterfordert gefühlt, von Angehörigen, Ärzten, Kollegen, Freunden? Können Sie bitte Ihre Beispiele auf Karten aufschreiben (Pro Karte ein Beispiel).Im Anschluss möchten wir die Karten vorstellen (wer möchte) und auf dem Boden zuordnen.

Es entsteht eine lebhafte Diskussion zu dieser Fragestellung. Alle Anwesenden beschreiben aus ihrer Perspektive ihre Erfahrungen. Betroffen fühlen sich in der Erkrankung oftmals unverstanden; Angehörigen fehlt Information zur Erkrankung, für die Fachärztin ist es wichtig, die „Patienten“ im Seminar zu erleben, weil sie von ihrer Erfahrungen berichten können (im nicht akuten Zustand).

Problematisch für Angehörige ist, wenn akut erkrankte Familienmitglieder keine Krankheitseinsicht zeigen und nicht zum Arzt gehen möchten. Angehörige sorgen sich dann, weil der / die Betroffene sich z. B. nicht mehr ausreichend versorgt mit Lebensmittel, weil sich Müll in der Wohnung sammelt und es zu unhygienischen Zuständen kommt, weil alle sozialen Kontakte abbrechen.

Betroffenen können oftmals in der Akuterkrankung nicht beschreiben, wie sie sich fühlen, was sie hindert, was sie hemmt. In der akuten Psychose treten häufig wahnhafte Gedanken auf, die auch Angst machen. Zudem kann eine hohe Erregbarkeit hinzukommen bis hin zur Aggression.

Eine Betroffene berichtet: „ In der Depression konnte ich mich über gar nichts freuen. Ich habe immer gedacht, ich komme nie mehr aus diesem Zustand heraus. Das andauernde Verständnis meines Umfelds hat mir geholfen, in ganz kleinen Schritten wieder Mut zu fassen. Auch Medikamente sind wichtig. Und das ambulant betreute Wohnen hat mich unterstützt, im Haushalt und mit meinem Kindern. Bis ich es geschafft habe, wieder ein „normales“ Leben zu führen, hat es Jahre gedauert. Die Medikamente mussten bei mir mehrfach umgestellt werden. Teilweise hatte ich erhebliche Nebenwirkungen. Heute komme ich gut zurecht.“

Die beschriebenen Karten werden während der Diskussion auf dem Boden wie folgt zugeordnet:

Auf dem Boden liegen drei beschriftete Blätter:

In der Mitte: Betroffener

  • Eine Betroffene berichtet, dass sie sich je nach Ausprägung der Erkrankung über- oder unterfordert fühlte.
  • Die individuelle Belastbarkeit ist ein schmaler Grat, die sich im Verlauf der Erkrankung ändert.
  • Betroffene möchten nicht auf ihre Diagnose reduziert werden.
  • Beschwichtigungen, wie: „Ach, das wird schon wieder“, nutzen gar nichts.
  • Wichtig ist, Vertrauen und Loslassen zu können.
  • Gut gemeinte Ratschläge nutzen nichts.
  • Fordern ist wichtig; bei Antriebslosigkeit ist das „mitziehen“ oft hilfreich. Dies erfordert einen geduldigen und liebevollen Umgang mit den Betroffenen. Aber es gibt kein MUSS in der Erkrankung.

Rechts: Überforderung

  • Angehörige fühlen sich überfordert im Umgang mit den Betroffenen und umgekehrt.
  • Es gibt oft zu wenig oder kein Verständnis für die Erkrankung. Sätze wie, …mach doch einfach mal, oder….Du brauchst doch nur…… erzeugen unnötigen Druck und Frustration. Die Betroffenen versuchen dennoch diesen Aufforderungen gerecht zu werden und erleben ihr Scheitern als weitere Niederlage.
  • Betroffene setzen sich auch selber unter Druck.
  • Oft sind Betroffene schon durch Kleinigkeiten überfordert, was für Gesunde nicht nachvollziehbar ist.
  • Angehörige fühlen sich Überfordert aufgrund keinerlei Information wie man mit der Situation umgehen kann. Es wird eine Schulung für Angehörige gewünscht. Besonders auch im Umgang bei einem „Akutfall“.
  • Betroffene sind oft müde; alles ist anstrengend
  • Nicht nein sagen können führt oft zur Überforderung
  • Überforderung der Betroffenen und der Angehörigen führt manchmal auch zu einem Teufelskreis weil Emotionen immer wieder hochkochen und Gelassenheit fehlt.
  • Mir war alles zu viel: Kinder, Haushalt…ich hatte keine Zeit für mich persönlich.
  • Fehlende Selbsteinschätzung und unrealistische Ziele führen zur Überforderung.
  • Manchmal führt auch der Versuch beruflich wieder voll einzusteigen zu Überforderung. Manche Psychose – Erkrankte schaffen die Wiedereingliederung in den 1. Arbeitsmarkt nicht mehr. Eine Berentung ist dann sinnvoll.

Links: Unterforderung

  • Es wird Betroffenen nichts mehr zugetraut
  • Es wird immer mehr unterlassen; Betroffene geraten in die Opferrolle, oder eine Opferhaltung
  • Angemessene berufliche Perspektiven fehlen, die vorhande Potentiale fördern.
  • Die umfassende Versorgung des Betroffenen durch Familie, ambulante und stationäre Einrichtungen führt manchmal auch zur Unterforderung, soziale Fähigkeiten können verloren gehen.

Pause

Nach der Pause erröten wir in der Gruppe, was förderlich ist im Umgang mit Betroffenen und der Erkrankung.

  • Austausch zwischen Betroffen in einer Selbsthilfegruppe
  • Nach Ursachen suchen, kann helfen. Dies meint die Bedingungen der Erkrankung verstehen. Den Lebensbezug der Erkrankung beachten.
  • Kommunikation zwischen allen Beteiligten ist hilfreich (Angehörigen, Ärzten, Betroffenen)
  • Informationen helfen, Erkrankung zu verstehen (bei Ärzten, Psychoseseminar, Beratungsstellen, Literatur, Internet)
  • Verständnis für die Erkrankung aufbringen.
  • Ein Ansprechpartner von „außen“ kann dem Betroffenen helfen (Betreuer, rechtlich oder ambulantes betreutes Wohnen, Tagesstätte, Wohnheime))
  • Angehörige helfen den Betroffenen, in dem sie gut für sich selber sorgen
  • (Psycho-) Therapie kann helfen (bei bestimmten Erkrankungen. Mit dem Facharzt absprechen).
  • Medikamente sind meist unumgänglich. In der Akuterkrankung können sie hochdosiert sein und die Betroffenen verändern. Bei akuter Psychose wirken die Medikamente dämpfend und beruhigend, angstnehmend und antipsychotisch.
  • Auch in der Erkrankung gibt es gesunde Anteile der Betroffenen, die diese nutzen können.
  • Nichtpsychiatrische Kontakte können auch helfen, da sie eine gewisse „Normalität“ erzeugen.
  • Austausch der Angehörigen in einer Selbsthilfegruppe
  • Bei einer Akutgefährdung können Angehörige sich an den Sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamtes des Kreises Düren wenden. Dieser macht auch Hausbesuche und berät Angehörige.
  • Eine gesetzliche Betreuung kann auch von Angehörigen beim zuständigen Amtsgericht vorgeschlagen werden.

Es wird festgestellt, dass es ein unterschiedlich langer Prozess ist, den Umgang mit der Erkrankung zu lernen (für Betroffene wie für Angehörige). Ein Betroffener berichtet, dass er bei dem zweiten psychotischen Schub schon gemerkt hat (Frühwarnsymptome), dass er wieder erkrankt. So konnte er aktiv werden und die Klinik selbständig aufsuchen. Die regelmäßige Einnahme der Medikamente hat ihm auch geholfen.

Festgestellt wird auch, dass bei jungen Psychose – Erkrankten die persönliche Reifung noch in vollem Gange ist, und dies auch Auswirkungen auf das eigne Erleben der Erkrankung hat sowie auf den Umgang mit der Erkrankung. Gesundheitsfördernde – und stabilisierende Maßnahmen können oftmals dann noch nicht im erforderlichen Maße eingehalten werden.

Wie eine Erkrankung verläuft kann nicht vorausgesagt werden. 1/3 aller Psychose- Erkrankten sind nur einmalig betroffen. Die Disposition an einer Psychose zu erkranken ist bei allen Menschen unterschiedlich. Sie kann durch Drogenkonsum und Stress erheblich gefördert werden.

Ca. 21:00 Uhr

Abschlussrunde: Ein Stein wird in die Runde gegeben: Was hat Ihnen diese Veranstaltung gebracht (was nehmen Sie mit? Was lassen Sie hier?)

Hinweis auf das nächste Seminar am 18. November 2015 mit dem Titel: „Welche Entwicklung gibt es in der psychiatrischen Versorgung im Kreis Düren?“

Menschen, die mit folgenden Diagnosen leben müssen: Schizophrenie, Paranoia, Borderline, Bipolare Störung, Depression u. ä. mit psychotischen Symptomen tauschen sich mit Angehörigen, Interessierten und in der Psychiatrie Tätigen aus.