Wie möchte ich behandelt werden als Betroffener, Angehöriger und Profi?

Protokoll des Psychoseseminars vom 20.4.2011

19.00 – 21.15 Uhr

15 Teilnehmer

Moderation: Matthias Schmidt, Protokoll: Brunhilde Sieburg

Herr Schmidt begrüßt die Gäste und stellt Dr. Zwernemann aus der Klinik vor.

Zunächst sollen sich die Teilnehmer überlegen, welche negativen Erfahrungen sie im Umgang miteinander gemacht haben. Die Erfahrungen sollen in Stichpunkten auf farbige Karten geschrieben werden. Es gibt für jede Personengruppe eine Farbe. Man darf auch Erfahrungen aufschreiben, die man bei anderen Personengruppen beobachtet hat.

Da die Bedürfnisse von Angehörigen und Profis in unseren Seminaren oft hinten an stehen, beginnen wir zunächst mit diesen.

Profis (Die Karten werden zunächst vorgelesen)

Kartenabfrage: Wie wollen Profis nicht behandelt werden? Wie wollen sie nicht sein? Was möchten sie nicht mehr erleben!

  • perfekt
  • allwissend
  • „Du musst die Verantwortung für alles übernehmen/ musst mich retten.“
  • Viele werden von den Patienten belogen. (Witz. Zahnbürste > Hund)
  • Wollen nicht jederzeit Ansprechpartner sein, brauchen auch Struktur.
  • Alleskönner
  • Allesregler
  • alleinverantwortlich

Gesprächsnotizen

  • Die Lügen werden zuerst angesprochen. Hier der ganze Witz: „Ein Patient in der Klinik führt seine Zahnbürste an der Leine und hält sie für seinen Hund. Der Patient muss zur Kontrolle zum Arzt. Dem Arzt erzählt er, dass die Zahnbürste natürlich nur eine Zahnbürste ist. Er wird als geheilt aus der Klinik entlassen. Hinter der nächsten Ecke sagt er ‚seinem Hund‘: „Na Fiffi, da haben wir den Arzt aber toll reingelegt.“
  • Eine Angehörige erzählt, dass sie ähnliches Verhalten bei ihrem Angehörigen erlebt hat, wenn mit den Ärzten nicht zu reden war und diese uneinsichtig waren. Die Betroffenen schützen sich dann mit den Lügen.
  • Ein Arzt sagt, er würde Lügen ansprechen, um so einen neuen Anfang für eine vertrauensvolle Beziehung zu erreichen.
  • Betroffene erzählen von ihren Ängsten, die oft zu diesen „Notlügen“ führen, wenn das Vertrauen noch nicht da ist. Die meisten Betroffenen erzählen, dass sie sich mehr geöffnet haben, sobald sie dem Arzt vertrauen konnten.
  • Betroffene sprechen an, dass manchmal auch mit Station 11 (Aufnahmestation mit Überwachungsmöglichkeiten) gedroht wird. Vor allem Suizidgefährdete lügen, um nicht nach Station 11 zu müssen.
  • Es wurde angeregt, den Betroffenen keine Angst vor bestimmten Stationen zu machen. Auch Betroffene könnten sich untereinander mit sachlichen Informationen über diese Stationen gegenseitig helfen, statt sich zusätzliche Angst zu machen.
  • Es wird angesprochen, dass das Image der Klinik zwar besser geworden ist, aber nur bei denen, die bereits Kontakt mit der Klinik hatten. In der Bevölkerung geistern noch immer merkwürdige Vorstellungen herum. Diese erschweren eine Erstbehandlung, da hier die Vorurteile noch mit behandelt werden müssen.
  • Betroffene kritisieren auch das Verhalten und die Vorurteile von Besuchern, die es nicht ertragen können, dass hinter ihnen abgeschlossen wird und die deswegen nicht in die Klinik kommen.
  • Es wird kritisiert, dass es im Internet keine Bilder von den Stationen zu sehen gibt. Hier wurde mehr Offenheit erwünscht. Auch der Fixierraum sollte (natürlich alles ohne Patienten) im Netz zu sehen sein.
  • Betroffene erzählen von ihren Aufenthalten auf der Aufnahmestation. Es sei laut gewesen. Patienten hätten geklaut. Man musste Angst vor anderen Patienten haben. Junge Betroffene berichten, dass sie mit gerade 18 Jahren auf diese Station mussten und traumatisiert wieder heraus kamen. Einer erzählte, er hätte das Gefühl, man hätte ihn brechen wollen, um ihn dann wieder neu aufzubauen. Auch ältere Betroffene berichten, sie seien kränker von dieser Station raus gekommen als wieder rein.
  • Das Psych. KG, das zu einer geschlossenen Unterbringung geführt hatte, wurde von einem Betroffenen als Farce bezeichnet. Es hatte 3 Minuten gedauert und der Betroffene hatte das Gefühl, dass Richter, Rechtsanwalt und Arzt sich schnell durch Kopfnicken einig waren und er selber völlig machtlos war.

Die Diskussion zeigte wieder, dass die Not der Betroffenen manchmal das Thema sprengt. Es wurde deshalb zum Schluss dieser Phase noch einmal an das Thema erinnert und diskutiert und aufgeschrieben, wie Profis behandelt werden wollen.

Ergebnisse: Wie wollen Profis behandelt werden?

  • Profis wollen als Partner behandelt werden, sie wollen die Wahrheit hören, wollen Ehrlichkeit.
  • Sie wollen den Austausch und die Zusammenarbeit mit den Betroffenen.
  • Sie sind keine Halbgötter in Weiß, sondern Menschen, die auch Gefühle, Probleme und Bedürfnisse haben.
  • Sie sind keine Maschinen, haben Schwächen und brauchen ihre Freizeit und ihre Pausen zur Erholung.
  • Sie wünschen sich Vertrauen, Austausch und Zusammenarbeit.

Pause

Angehörige (Die Karten werden zunächst vorgelesen.)

Kartenabfrage: Wie wollen Angehörige nicht behandelt werden? Was wollen sie nicht mehr erleben?

  • als unwichtig, als Randerscheinung, als unwissend
  • Keine Infos bekommen, warten in der Telefonschleife > dort vergessen werden.
  • „Du bist schuld, wenn es mir schlecht geht, wenn du nicht immer Rücksicht auf mich nimmst.“
  • Als Angehörige wünsche ich mir eine wesentlich bessere Information des behandelnden Arztes in der Klinik. Man bekommt überhaupt keine und muss alle Möglichkeiten ausschöpfen (Freunde, Familie, Internet) sich Infos selbst zu beschaffen.
  • Keiner hat Zeit für meine Fragen zur Erkrankung meines Angehörigen.
  • Als Angehöriger bekommt man keine Informationen.
  • Werden oft nicht ernst genommen, obwohl sie den Betroffenen sehr gut kennen.
  • Sie sind schlecht informiert über den Psychiatriealltag.
  • Teilhabe, Einbezug, Kontaktperson
  • Werden von den betroffenen Angehörigen oft strapaziert.
  • Ein minderjähriges Kind stand alleine da, als die Mutter in die Klinik musste.
  • Offen aufklären

Gesprächsnotizen

  • Es wurde bemängelt, dass man kaum Informationen bekommt und um ein Gespräch mit dem Arzt bitten oder gar betteln muss.
  • Es wurde angemerkt, dass die Ärzte oft überlastet sind mit dem Papierkram und deshalb zu wenig Zeit für die Menschen haben.
  • Die Betroffenen werden oft isoliert behandelt und die Angehörigen werden nicht einbezogen.
  • Ein Betroffener erzählt, dass er in seiner Psychose seine liebsten Angehörigen oft nicht sehen wollte.
  • Die Schweigepflicht wurde erwähnt.
  • Ein Betroffener erzählte, dass er auch nicht genügend informiert wurde bzw. die Informationen in der Psychose nicht verstanden hat.
  • Ein beruhigendes informelles Gespräch wurde zu Beginn der Erkrankung als wichtig angesehen. Wenn Angehörige ruhiger sind, hat dies auch positive Auswirkungen auf den Betroffenen.
  • Ein Arzt merkt an, dass der Umgang mit Angehörigen generell ein Problem in der Medizin ist.
  • Eine Angehörige kritisierte, dass Angehörige als Ressource und als Helfer gebraucht, aber sonst nicht einbezogen würden.
  • Eine Angehörigengruppe wurde gewünscht. (Die alte Gruppe ist gerade mangels Teilnehmer aufgegeben worden.)
  • Eine Angehörige berichtet, dass in den Niederlanden die Arbeit mit den Angehörigen besser läuft und dies Zeit in der Behandlung erspart.
  • Ein Profi erzählt, er würde feste Gespräche mit den Angehörigen vereinbaren und einhalten.
  • Bei einer Erstbehandlung wurde eine Infostunde oder Sprechstunde für Angehörige als Idee vorgeschlagen. Hier sei hoher Informationsbedarf.
  • Es wurden auch Sozialarbeiter für den Notdienst gewünscht, damit Minderjährige nicht alleine auf sich angewiesen sind. Eine Sozialarbeiterin erklärt, laut § 8a Kinder- und Jugendhilfegesetz muss der Arzt vom Dienst das Jugendamt in diesem Fall anrufen. Dort gibt es einen Notdienst, der zuständig ist.
  • Auch Angehörige werden durch die Erkrankung oft traumatisiert. Sie müssen damit alleine fertig werden.
  • Es wurde bemängelt, dass es kein systemisches Denken in der Klinik bei der Behandlung gibt. Die Angehörigen werden deshalb meist nicht mit einbezogen.
  • Eine Angehörige erzählt, sie wurde zunächst von den Ärzten um Informationen gebeten, dann nach Hause geschickt und nicht mehr einbezogen. Nach der Entlassung musste sie ohne Hilfe zu Hause alleine mit dem veränderten Betroffenen klar kommen. Jetzt war die Klinik nicht mehr zuständig.
  • Die Klinik wurde als zäher Brei und als großer Tanker dargestellt. Eine Veränderung sei nur schwer zu erreichen.
  • Es werden noch immer Betroffene und auch Angehörige missachtet. Es wird zwar viel getan, aber es muss noch viel geändert werden.
  • Es wurde angemerkt, dass auch nicht jeder Profi geeignet für seinen Beruf ist. Manche sind überfordert. Auch bei geeigneten sind die Bedingungen oft so, dass sie überfordert werden von den Umständen.

Nach der Diskussion wurde festgehalten, wie Angehörige behandelt werde möchten und sollten.

Ergebnisse: Wie möchten Angehörige behandelt werden?

  • Sie wünschen vor allem mehr Informationen und mehr Zeit für Gespräche.
  • Sie sollten – so weit möglich und gewünscht – mit in das Behandlungssystem einbezogen werden. Sie können die Behandlung unterstützen. Sie werden beruhigt durch Informationen und können so beruhigend auf ihren Angehörigen einwirken.
  • Die Internetseiten der Klinik sollten aktuell sein.
  • Manchmal brauchen die Angehörigen auch Ruhe vor den Betroffenen. Der Klinikaufenthalt des Betroffenen kann auch zur Erholung genutzt werden.
  • Sie brauchen oft Unterstützung im Umgang mit ihren Ängsten, vor allem, wenn sie einsam und alleine sind.

Betroffene (Die Karten wurden zunächst vorgelesen.)

Kartenabfrage: Wie wollen Betroffene nicht behandelt werden? Was wollen sie nicht mehr erleben?

  • zu wenig Zeit für Arztgespräche.
  • zu viel Zeit auf der Station.
  • unmündig
  • ungeduldig
  • als minderwertig
  • ignoriert werden
  • respektlos als Mensch 2. Klasse behandelt
  • verständnislos
  • alle Patienten werden gleich behandelt, egal ob richtig oder falsch
  • Menschen meiden den Kontakt zu mir und kommen nicht zu Besuch.
  • Meine Gefühle werden nicht ernst genommen. Ich soll nur Tabletten schlucken. Die anderen Probleme und Dinge werden nicht besprochen.
  • würdelos
  • Ganz spärliche Infos seitens der Ärzte. Sagen nur „Das schaffen wir schon.“

Gesprächsnotizen

  • Betroffene beschweren sich, dass sie von den Pflegern oft wie kleine Kinder behandelt worden sind. Einer erzählt, man habe ihm an Weihnachten mitten in einem Film den Fernseher ausgeschaltet.
  • Man war sich einig, dass manche PflegerInnen ihre Machtposition gerne mal ausnutzen.
  • Eine Betroffene berichtet, eine Frau wurde gezwungen falsche Medizin zu schlucken. Sie habe es bemerkt, aber der Pfleger habe sie trotzdem gezwungen. Andere berichten, dies käme häufiger vor, als man glaubt.
  • Schlimm sei es, wenn das Pflegepersonal im Stress sei. Eingeräumt wurde, dass das Pflegepersonal der Prellbock zwischen Betroffenen und Ärzten sei und einiges abbekommen.
  • Betroffen wünschen sich einen menschlichen Ton.
  • Es wird von den Betroffenen mehr Individualität gewünscht. Jemand wurde zum Frühstück gezwungen, obwohl er es so früh nicht verträgt.
  • Die Situation auf der Aufnahmestation wurde noch einmal hinterfragt. Von anderen Patienten hätten Betroffene erfahren, dass Knast nicht so schlimm sei. Hier werden aber Kranke behandelt, teils noch halbe Kinder. Ein Betroffener berichtet, der Überwachungsraum sei der blanke Horror. Er habe die ganze Nacht geweint. Es sei stinklangweilig, es gibt nichts zu tun. Man werde erst gebrochen, dann wieder aufgebaut. Man braucht starke Nerven, um diese Station zu überstehen.
  • Einige berichten, in Skandinavien würden die Menschen möglichst zu Hause gelassen und dort betreut. Dadurch würden die Traumatisierungen weitgehend wegfallen.
  • Die Betroffenen wünschen sich mehr Informationen von den Profis.
  • Es wird auf die Stigmatisierung in der Bevölkerung hingewiesen.
  • Im Umgang mit Freunden und Nachbarn hatten einige Angehörige und Betroffenen gute Erfahrungen mit einem offenen Umgang gemacht. Eine Angehörige war erstaunt, dass sie so viel über psychische Erkrankungen in ihrer Umgebung erfuhr, nachdem sie von den eigenen Erfahrungen mit ihrem Angehörigen erzählte.
  • Ein Betroffener meint, es wäre sehr anstrengend ein Geheimnis aus der Erkrankung zu machen.

Nach der Diskussion wurde festgehalten, wie Betroffene behandelt werden wollen.

Ergebnisse: Wie wollen Betroffene behandelt werden?

  • Sie wünschen sich ein bisschen mehr Freundlichkeit und mehr Menschlichkeit.
  • Sie möchten ernst genommen werden, akzeptiert und als Partner gesehen werden. Um etwas zusammen zu errreichen.
  • Die „Traumastation“ soll umgeändert werden.
  • Sie wollen nicht stigmatisiert werden und wollen nicht, dass man ein Geheimnis aus der Krankheit machen muss.
  • Die Langeweile auf den Stationen wollen sie nicht.
  • Sie wünschen sich eine ganzheitliche Behandlung und nicht nur Medikamente. Sie wollen wissen, was hinter den Symptomen steckt.
  • Eine systemübergreifende Behandlung und Absprache von mehreren Institutionen wurde als sinnvoll erachtet. (Helferkonferenz) Die Struktur dazu könnte durch Sozialarbeiter erfolgen.

Zum Abschluss lässt Herr Schmidt den Redestein kreisen. Die Teilnehmer können sich noch zu der Frage äußern: „Was nehme ich aus dem Seminar mit? Was lasse ich hier?“

Menschen, die mit folgenden Diagnosen leben müssen: Schizophrenie, Paranoia, Borderline, Bipolare Störung, Depression u. ä. mit psychotischen Symptomen tauschen sich mit Angehörigen, Interessierten und in der Psychiatrie Tätigen aus.