Welche Hilfen gibt es für Angehörige in Akutsituation der Erkrankten?

Protokoll des Psychoseseminars vom 21. November 2012 von 19.00 – 20:45 Uhr

Moderation: Frau Sieburg; Protokoll: Frau Dangel

Zunächst erfolgt die Begrüßung des Auditoriums: Herr Keutgen, Leiter der Selbsthilfegruppe für Angehörige psychisch Kranker und als Vertreter der LVR Klinik Herr Casper – Kiock.

Es wird das Psychoseseminar vorgestellt und Hintergründe dazu erläutert.

Der Einstieg erfolgt mit der Frage:

1. Haben Sie Akutsituationen erlebt? Was haben Sie in der Situation gemacht? Hat es geholfen?

Eine Teilnehmerin berichtet:

Ich habe Akutsituationen mehrmals erlebt. Ich konnte nicht mehr stehen. Ich habe dann meine Ärztin aufgesucht und eine Notfall – Tablette bekommen. Dann sollte ich nach Hause gehen. Ich hatte schlecht geschlafen und konnte nicht mehr essen. Ich versuchte mich mit Autogenem Training zu beruhigen. Ich nahm die Tablette. Ich ging ins Bett und konnte wieder nicht schlafen. Ich fühlte mich alleine. Ich rief die Ärztin erneut an. Sie erklärte, dass es Nebenwirkungen der Tablette seien. Es ging mir weiter sehr schlecht. Nach zwei Tagen bin ich in die Klinik gegangen. Dort wurde ich aufgenommen.

Ein Betroffener berichtet:

Ich habe zwei Nächte nicht geschlafen und bin dann abends in die Klinik gegangen. Dort habe ich übertrieben, damit ich aufgenommen werde. Ich habe dann ein weiteres Medikament bekommen.

Herr Keutgen berichtet:

Angehörige sind meist in Akutsituationen überfordert. Besonders, wenn diese zum ersten Mal auftreten. Sie können das Ausmaß nicht einschätzen und wissen nicht wie sie handeln sollen. Vieles wird zunächst verdrängt (zum Beispiel, dass ein Familienmitglied psychisch krank sein könnte).

Folgende Anmerkungen gibt es dazu in der Runde:

Psychische Erkrankungen sind ein Tabu. Angehörige müssen lernen mit den Erkrankten umzugehen. Gebündelte Informationen für Angehörige fehlen. Bei bestimmten psychischen Erkrankungen gibt es ein besonderes Stigma (z. B. bei Psychosen).
Eine Angehörige berichtet:

Sie erinnert sich an die Erstsituation mit ihrem Mann. „Wir sind gemoppt worden. Es grenzte an Verfolgung. Mein Mann hat mit viel Elan versucht dagegen anzugehen. Ich war etwas zurückhaltender dabei. In seinem Eifer fing er plötzlich an von abgehörten Telefonen zu sprechen, weil er sich sonst nicht erklären konnte, wie die anderen von bestimmten Dingen erfahren haben. Er schlief nicht mehr richtig und lief irgendwann nachdenkend hin und her. Er sprach immer mehr von Abhörgeräten und ähnlichen Dingen. Ich merkte, dass er abdriftete. Wir suchten dann zunächst einen Hausarzt auf, der ihm eine Spritze gab, die eine Zeit wirkte. Nach einem Monat musste er in die Klinik. Seit dem Klinikaufenthalt war alles viel schlimmer. Den Aufenthalt hat er als traumatisch empfunden. Dagegen hat er nie eine Therapie erhalten.“

Herr Caspers Kiok weist darauf hin, dass es nach einer Psychose oftmals zu einer Depression kommen kann. Diese muss dann behandelt werden, d. h. der Patient muss medikamentös umgestellt werden. Dies kann auch stationär erfolgen. Eine Psychotherapie nutz in diesem Fall wenig.

Ergänzend werden folgende Aussagen getätigt:

Erkrankte müssen zustimmen, dass Angehörige mit dem Arzt sprechen. Es sei denn sie sind zeitgleich gesetzlicher Betreuer.

Herr Keutgen ergänzt:

Ein großer Teil der Betroffenen ist nicht krankheitseinsichtig. In diesen Fällen ist eine Unterstützung nicht möglich. Die Angehörigen befinden sich oftmals in einem Zwiespalt, ob der / die Betroffene in die Klinik eingewiesen werden muss. Besteht eine gute Bindung zwischen der / dem Erkrankten und der / dem Angehörigen ist eine „Einweisung“ nicht einfacher, denn Angehörige wie Erkrankte bleiben alleine zurück.

Ergänzend wird berichtet, dass eine gesetzliche Betreuung eine „Einweisung“ leichter vornehmen kann. Angehörige werden oft als Kontrolleure erlebt.

Bzgl. der Medikamente wird ergänzt, dass diese erst nach einigen Wochen wirken. Es müssen die „passenden“ Medikamente gefunden werden.

2. Auf der Flipchart wird festgehalten: Welche praktischen Hilfen gibt es?

  • Behandelnden Arzt anrufen
  • Zur Klinik fahren / gehen (Aufnahme)
  • PsychKG
  • Bedarfsmedikation
  • Notruf 110 / 112
  • Behandelnden Arzt (mit den Angehörigen) aufsuchen
  • Gesetzliche Betreuung kontaktieren
  • Ordnungsamt kontaktieren
  • Freunde und Verwandt mit einbeziehen
  • Konsequentes Handeln / abgrenzen
  • Ruhe bewahren

3. Es wird besprochen, welche Gefühle – Emotionen die Angehörigen in solchen Situationen haben:

  • Der Partner hat aggressiv reagiert; aus Angst und Hilflosigkeit.
  • Es gibt Ablehnung und Schuldzuweisung durch Dritte, speziell bei erkrankten Kindern – hier sei die falsche Erziehung Schuld.
  • Die Krankheit soll als Lebenserfahrung dienen.
  • Angehörige müssen sich schützen
  • Das Erkennen einer psychischen Erkrankung ist besonders im Jugendalter schwierig. Oftmals gibt es im Jugendalter „gesundes“ Protestverhalten, Rückzug und andere Abweichungen. Hier stellt sich die Frage: Was ist gesund, was ich krankheitsbedingt?

Weitere Nennungen sind:

  • Angehörige sollten Ruhe bewahren.
  • Wut
  • Zweifel
  • Bedrohen, bevormunden, anweisen
  • Nicht ernst genommen werden in der Aufnahmestation
  • Selbstvorwürfe, innere Leere
  • Hilfloser Zustand
  • Alte Geschichten kommen hoch
  • Schuldzuweisung / Abwertung

Ergänzt wurden diese Gefühle mit folgenden Forderungen

Es fehlen konkrete Anlaufstellen. Es sollte ein „Bündnis gegen Psychosen“ geben. In der Öffentlichkeit muss mehr Information und Transparenz erfolgen, z. B. über die lokale Tageszeitung und das lokale Radio (EDR – Radio Rur) Die Einrichtung eines Krisen – Cafés / Krisendienstes kann sinnvoll sein (das gibt es in Olpe) Eine Krisentelefonnummer könnte helfen.

Abschlussrunde – ein Stein wird in die Runde gegeben: Was hat Ihnen diese Veranstaltung gebracht? (Was nehmen Sie mit? Was lassen Sie hier?) Verabschiedung und Bedanken bei den Gästen.

Menschen, die mit folgenden Diagnosen leben müssen: Schizophrenie, Paranoia, Borderline, Bipolare Störung, Depression u. ä. mit psychotischen Symptomen tauschen sich mit Angehörigen, Interessierten und in der Psychiatrie Tätigen aus.