Was kann man einem psychoseerfahrenen Menschen noch zutrauen?

Anwesend: 15 Leute

Moderation: Frau Bellgarth, Herr Schmidt


Protokoll: Frau Elsässer


Erster Teil:


Vorstellung des Psychoseseminars


Es gibt im deutschsprachigen Raum ca. 100 Psychoseseminare, die strukturell autark sind. Es handelt sich um einen Trialog zwischen Ärzten, Angehörigen und Betroffenen auf Augenhöhe. Ziel ist es zu verdeutlichen, dass es neben der Akutsituation der Betroffenen auch das ganz normale Leben mit der Erkrankung gibt.

Frage in die Runde: Wie sind Ihre Erfahrungen? Wobei wurden Sie
überfordert bzw. unterfordert?


Erfahrungsaustausch

„Für mich als Angehörige – mein Neffe ist betroffen – ist es schwierig
einzuschätzen, wie ich mit ihm umgehen kann. Er kann plötzlich aggressiv
werden.“

„Es birgt ein gewisses Risiko, als Angehöriger mit Betroffenen umzugehen.
Besonders wenn sie noch jung sind und sich selbst noch nicht so gut
einschätzen können. Aber wer kein Risiko eingeht, kann auch nichts gewinnen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass in Watte gepackt werden auch nicht das Wahre ist.“

„Leider gibt es keinen 10-Punkte-Plan, wie man es schafft, mit Betroffenen
umzugehen.“

„Als es am Telefon klar war, dass ich Betroffene war, wurde ich in meinen
Fähigkeiten unterschätzt, bzw. ein Betreuer wurde verlangt und ich fühlte mich übergangen.“

„Ich habe als Betroffener 36 Jahre gebraucht und ich weiß auch nicht, wie ich es geschafft habe. Damals hat mein Arbeitgeber das psychiatrische Gutachten nicht akzeptiert und folglich hat sich an meiner unbefriedigenden Arbeitssituation nichts geändert. Jahre später kündigte ich das Arbeitsverhältnis. Durch den Arztwechsel bekam ich eine andere Diagnose und fortan besserte sich meine Behandlung und meine Situation.“

„Nachdem ich in der Werkstatt für Behinderte arbeitete, wechselte ich in einen integrativen Arbeitsplatz. Das heißt, ich bin noch immer an die Werkstattangegliedert, es ist aber fast wie auf dem ersten Arbeitsmarkt. Es ist ein kleiner Betrieb. Ich genieße die Arbeit und bin stolz auf mich. Nur wenige Menschen an der Arbeitsstelle wissen um meine Erkrankung. Das finde ich gut.“

„Es ist ein langer Weg, mich einschätzen zu lernen. Dazu gehört, die
Frühwarnzeichen zu erkennen. Zum Beispiel wenn bei Schlafmangel das Gehirn einen Drall bekommt. Dann helfen erst wieder Medikamente, auf den richtigen Weg zurückzufinden.“

„Ich bin medikamentös gut eingestellt. Als ich kurz vor einer Krise war, habe ich mich selbst in die LVR-Klinik eingewiesen. Ich musste etwas übertreiben, damit sie mich aufnahmen, aber mit einem weiteren Neuroleptika bin ich bis heute fast symptomfrei.“

„Als Betroffener habe ich einen bunten Lebenslauf. Persönliche Kontakte –
Vitamin B – helfen bei der Jobsuche.“

„Als ich noch jung war, war ich durch die Erkrankung sehr unzuverlässig. Durch Betreutes Wohnen und gute Vorbilder übte ich mich zu bessern. Das Vertrauen zu anderen musste hart erarbeitet werden. Ich lernte langsam, mich selbst einzuschätzen, zum Beispiel dass ich nur in Teilzeit auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten könnte.“

„Die Rurtalwerkstätten haben mich nicht adäquat gefördert. Lediglich das
Spektrum der Werkstätte wurde berücksichtigt. Meine Begabung mit dem
Rechner umzugehen, wurde in die Lohnbewertung nicht einbezogen.“

„Ich finde die Lohnbewertung auch problematisch in der Werkstätte, denn
Gruppenleiter können manchmal nicht unterscheiden, ob mangelnde Leistung an der Erkrankung liegt oder aber an der Motivation. Wie auf dem ersten Arbeitsmarkt spielt auch hier die Sympathie eine große Rolle.“

„Was ist dran an der Sendung von RTL über die Rurtalwerkstätte (RTW)?“

„Die RTW ist bemüht, ihr schlechtes Image durch die Sendung von RTL zu
bessern. Leider ist der Film nur die Spitze des Eisberges. Die RTW ist
heruntergewirtschaftet und schlecht organisiert.“

„Wichtig ist eine Tagesstruktur, die die Grenzen und Möglichkeiten der Person berücksichtigt. Nicht nach Schema F: 8 bis 16 Uhr. Manche Menschen haben einen anderen Rhythmus.“

Pause

Zweiter Teil

Wie kann ich mich gegen Über- und Unterforderung schützen?


„Vulnerabilität bedeutet, jeder Mensch ist verschieden anfällig bzw. verletzlich gegenüber einer Psychose. Ein Faktor ist der Stress.“

„Spielt nur der Stress eine Rolle?“

„Stressoren sind nur ein Faktor bei dem Entstehen von Psychosen“

„Vorboten der Psychose traten bei mir im Alter von 14 bis 15 Jahren auf.
Wichtig wäre Aufklärung“

Stichworte auf der Flipchart

  • Zuhören und Ernst nehmen.
  • Selbstbewusstsein stärken.
  • Glück mit Menschen
  • Fähigkeiten herausfinden und stärken
  • in der Auseinandersetzung sich selbst kennen lernen
  • Zeit als Faktor
  • Gefühl für Psychose bekommen
  • Gespräche mit anderen Betroffenen
  • gesunde, feinfühlige Abgrenzung lernen
  • Psychoseseminar
  • aus Erfahrungen anderer lernen
  • Medikamente, keine Drogen
  • Selbsthilfegruppen, Verhaltensänderung
  • Unterstützung annehmen im Stress
  • Körperwahrnehmung, Ernährung

Abschlussrunde: Ein Stein wird herumgereicht mit der Frage: „Was hat Ihnen diese Veranstaltung gebracht? Was nehmen sie mit? Was lassen Sie hier?

Menschen, die mit folgenden Diagnosen leben müssen: Schizophrenie, Paranoia, Borderline, Bipolare Störung, Depression u. ä. mit psychotischen Symptomen tauschen sich mit Angehörigen, Interessierten und in der Psychiatrie Tätigen aus.