Warum habe ich kein dickes Fell? – Psychose und seelische Verletzlichkeit

Protokoll des Psychoseseminars vom 21.12.2005

Das Psychoseseminar wurde in diesem Jahr 10 Jahre alt. Brunhilde Sieburg ist von Anfang an mit dabei. Ihr gebührt eine besondere Ehrung.

Jeder Teilnehmer/ jede Teilnehmerin bekommt ein kleines Stückchen Tierfell. Einige Stückchen Fell werden in der Raummitte ausgelegt. Darüber wird in der Einleitung darauf hingewiesen, dass Fell etwas ist, womit man Wärme, Schutz vor Kälte und Weichheit/Kuscheligkeit verbindet.

Als Warm up wird die Frage in die Runde gestellt, wer seine „Fellgeschichte“ erzählen möchte?

Jemand beginnt eine Geschichte zu erzählen die von Bewohnern eines kleinen Dorfes handelt, die als Tauschmittel kleine Fellstückchen hatten und diese als weiches Kommunikationsmittel benutzten. Dann änderte sich die Situation durch jemand, der ins Dorf kam und den Besitz an sich für erstrebenswert hielt. Nach und nach haben die Bewohner des Dorfes immer mehr Besitz angehäuft und die Fellchen als Tauschmittel verworfen. Mit und mit wurde es sozial kalt in dem Dorf bis man sich auf die Zeit mit den Fellchen besann. Man führte die Fellchen wieder ein und es wurde sozial wieder wärmer. Die Erzählerin der Geschichte hat selbst mit erhöhter Verletzlichkeit zu tun und ist aus diesem Grund auch anwesend. Das Buch von Erich Fromm „Haben oder Sein“ wurde in diesem Zusammenhang genannt. Einige Teilnehmer berichten von Ihren Erfahrungen mit ihrer Verletzlichkeit. Wie schwierig es für sie ist einen angemessenen Umgang damit zu finden und nicht andere dafür verantwortlich zu machen.

Was bedeutet es seelisch Verletzlich zu sein?

  • 1. Es wurde gesagt, dass die subjektive Empfindsamkeit dazu beiträgt, sich schnell und permanent verletzlich zu fühlen und sich schnell verletzt zu fühlen. Unter Empfindsamkeit versteht man, sich gut in jemanden einzufühlen zu können.
  • 2. Es wurde geäußert, dass es auch bedeutet Überempfindlich zu sein. Dann fühlt man sich leicht gekränkt.
  • 3. Es wurde dazu noch der Begriff „Empatie“ genannt. Empatie meint, dass jemand sehr empfindsam ist.

Wenn man seelisch leicht verletzlich ist, sollte man auf der anderen Seite gut für sich sorgen können. Für wichtig wird befunden, dass man für sich eine Außenperspektive sucht.

Nach der Pause wird die Frage gestellt:

Was erhöht den Schutz vor der seelischen Verletzlichkeit?

Dazu wird genannt.

  • Auf sich gut aufpassen (Einigen ist nicht klar, was das für sie bedeuten könnte).
  • Sich entlasten
  • Beeinträchtigende Situationen meiden
  • Mit Freunden über eine verletzende Situation reden
  • Sich durch sportliche Aktivitäten ablenken
  • Mit dem jeweiligen Gegenüber sprechen z. B. in einer Diskussion oder einem Zweiergespräch
  • Nicht verletzend diskutieren
  • Genaue Wahrnehmung meiner Gefühle von heute und früher ( dazu wurde bemerkt, das eine seelische Verletzung aus einer Verletzung der Seele in der Kindheit herrühren könnte und bei Annäherung an eine ähnliche Situation wieder in dieser Wunde gerührt wird und die „alten“ Gefühle erneuert werden. Es wird in diesem Zusammenhang der Begriff „Traumatisierung“ genannt.

Danach folgt noch eine Themensammlung zum Jahresabschluss

Es wurden folgende Themen vorgeschlagen:

  • Psychose und Angst
  • Borderline-Syndrom und Psychose
  • Toleranz und Psychose (toleranter Umgang miteinander, gesunden Anteilen tolerant begegnen)
  • Psychose und Vorurteile und Medien
  • Sonderstatus für Erkrankte? – Erkrankte nicht in Watte packen –
  • Netzwerke in Düren für Psychose! – Was gibt es bereits –
  • Stimmen hören
  • Gewalt in der Psychiatrie (vollgepumpt werden)
  • Was ist denn eigentlich „Normalität“?

Menschen, die mit folgenden Diagnosen leben müssen: Schizophrenie, Paranoia, Borderline, Bipolare Störung, Depression u. ä. mit psychotischen Symptomen tauschen sich mit Angehörigen, Interessierten und in der Psychiatrie Tätigen aus.