STUMMES SCHREIBGESPRÄCH: WELCHE POSITIVEN ERLEBNISSE VERBINDE ICH MIT PSYCHOSE?

DIE ZWEITE SITZUNG (1.2.95)

aus eigenem Erleben <–> aus der Außensicht als Professioneller oder als Angehörig

 Jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin notierte Gedanken zum Thema auf ein Blatt, das dann weitergegeben wurde und auf das die anderen Teilnehmer und Teilnehmerinnen kommentierend die Gedanken schrieben, die ihnen zum Ausgangstext einfielen. Dazu einige Äußerungen und Beispiele:
  • 1) Entdeckung neuer Fähigkeiten / geballte Energieansammlung / ehrlicheres Lebensgefühl / klareres Bild der Persönlichkeit / intensives Lebensgefühl in spezifischen Bereichen / mehr Erfahrung aus dem Unterbewußten / zum Teil überlegene intuitive Kraft / keine Angstgefühle mehr
  • 2) Für mich als Angehörige (Mutter) ist es kaum möglich, positive Erfahrungen in der Psychose zu machen. Eigenes Erleben war Chaos, Wahnsinn und Kampf. Die eigene Ausdauer und Belastbarkeit kaum tragbar.
  • 3) Aus der Außensicht positiv- Grundsätzlich Lebensinhalte differenziert nach der Frage, was ist wesentlich, was ist unwesentlich / ernsthaftes Befassen mit der Krankheit – sich auseinandersetzen damit was ohne diese Erfahrung nie so der Fall gewesen wäre / Die Sensibilität für psychotische Erscheinungsformen ist wesentlich erhöht worden für alle mich umgebenden Menschen (Schüler) / Mut zur Hoffnung habe ich erarbeiten müssen
  • 4) Wenn bei eigenem Erleben Chaos und Hoffnungslosigkeit vorherrschend sind – bekomme ich von der Außenwelt signalisiert, daß etwas mit mir nicht stimmt – das führt zu noch mehr Chaos und Ausweglosigkeit und der Sehnsucht nach Harmonie / Wenn ich es geschafft habe, aus diesem Tief hochzukommen (meist allein) und es herrscht vorwiegend Harmonie und meine Gedanken sind geordnet und es entsteht um mich herum ein Sinngefüge, dann ist auch meine Umwelt mit mir zufrieden und ich bin auf dem Weg der Genesung. Vorwiegend steht in der gesamten Psychose die Sehnsucht nach Harmonie, Ordnung und Sinn.
  • 5) Ich hatte plötzlich sehr viel Energie / ich war sehr kreativ / ich konnte Aggressionen äußern / Ich hatte Zugang zu einer anderen, unsichtbaren Welt / Ich fühlte mich verbunden mit dem ganzen Kosmos / Ich stand im Mittelpunkt der Welt / Ich war sehr selbstsicher und selbstbewußt
  • 6) Zugang zu einer anderen Welt, Wahrnehmen von sonst verschlossenen Dimensionen / der Mensch sozusagen in seiner Reinform / Strategie gegen Selbstmord / Das Wichtige tritt zutage / Ein Überlebenskunstwerk gegen die Verzweiflung / Der Mensch in der Revolte gegen Unerträgliches
  • 7) Positiv erlebe ich die ehrliche und mutige, mit dem Einsatz aller Kräfte geführte Auseinandersetzung mit Lebenssinnfragen. Den Mut, Grenzen zu verlassen.
  • 8) Durch Enthemmt – Sein und freien Lauf der Emotionen sich deutlich machen können
  • 9) Zugang zu Schichten der Persönlichkeit, die sonst unbewußt sind, einen aber beeinflussen, Man lernt, wieviel Angst man eigentlich hat. Außerdem ein anderes Umwelterleben: wenn’s einem gut geht, kam man ja fast beliebig ein nettes Gesicht aufsetzen, und man merkt oft gar nicht so, ob die Leute wirklich was von einem wollen; geht´s einem schlecht, kriegt man das besser mit, obwohl man natürlich nicht weiß, ob es aus Mitleid ist. Leiden kann einen, so man auch mal daraus kommt, auch mal reifen lassen.
  • 10) Ich war überglücklich in einer Psychose (Manie). Ich hatte hohe Kreativität, konnte schöne Bilder malen und hatte meiner Meinung nach geniale Gedanken dazu, die die Hintergründe des Lebens betreffen. Ich habe gelernt, meinem Leid eine positive Seite abzugewinnen. Ich habe das Vertrauen, daß es immer wieder gut wird. Ich kann heute meine Krankheit bewältigen. Ich kann heute auf ein außerordentlich interessantes Leben zurückblicken und bin dabei, meine Lebensgeschichte zu schreiben, um meine positiven Psychoseerfahrungen auch anderen mitzuteilen.
  • 11) Es haben sich schöne Phantasien entwickelt, die die Erlebnisfähigkeit enorm erhöhen! Man spürt das Wunder des Lebens.
  • 12) Bewußtseinserweiterung / Ausbruch aus dem Alltag (der manchmal krankmachend ist) / Dringende Aufforderung, sich als Angehöriger selbst zu entwickeln und guten Boden unter den Füßen zu finden. / Dankbarkeit für jeden Tag, an dem Kontakt möglich ist (Mehr Blick für den Augenblick).
  • 13) Das Mitgefühl und die Hilfsbereitschaft von psychotischen Patienten hat mich manchmal erstaunt und gerührt; ihr feines Gespür für meine eigenen Probleme – und das Bedürfnis, -dem Mitarbeiter der Klinik, zu helfen
  • 14) Notwendigkeit und Chance, das Leben komplett neu zu betrachten und zu organisieren / Möglichkeit, über die Erkrankung bisher unbekannte Seiten von sich kennenzulernen und zu entwickeln (z.B. künstlerisch) / möglicher Ausstieg aus einem zu leistungsbetonten Leben und im günstigen Fall Neuorientierung

Menschen, die mit folgenden Diagnosen leben müssen: Schizophrenie, Paranoia, Borderline, Bipolare Störung, Depression u. ä. mit psychotischen Symptomen tauschen sich mit Angehörigen, Interessierten und in der Psychiatrie Tätigen aus.