Soteria – alternative Behandlungsmethode für akut psychoseerkrankte Menschen

Protokoll des Psychoseseminars vom 19. November 2014 von 19.00 – 21:15 Uhr

Moderation und Protokoll: Frau Dangel

Zu Beginn des Seminars stellt Dr. W. Hinüber das Soteria Haus vor:

SOTERIA ist griechisch und heißt Zuflucht / Heil / Rettung

Ein Professor in Kalifornien hat Ende der 70ziger ein Projekt gestartet, an Schizophrenie akut erkrankte Patienten in einer reizarmen Umgebung zu begleiten. Anlass gaben die sehr schlechten Zustände der Psychiatrie in den USA zu diesem Zeitpunkt. Sein Verständnis von Psychose war, dass diese auch ohne „Behandlung“ aufhört. Er mietete einen Bungalow und begleitete dort acht Patienten ohne weitere Profis. Er richtete sich nach den Bedarfen der Patienten und begleitete sie aktiv und inaktiv. Medikamente spielten eine untergeordnete Rolle. Hierüber gibt es einen alten schwarz weiß Film namens ArtWG. In den 80ziger Jahren endete dieses Projekt. In Bern entstand dann ein weiteres Soteria Haus (von Luc Ciompi). Er mietete eine Villa, damals gab es 10 Plätze. Heute besteht diese Villa noch. Es werden nicht nur Ersterkrankte sondern auch Wiedererkrankte aufgenommen.

Dr. Hinüber erzählt über seinen „Werdegang“: 1985 war er in der LVR Klinik Düren tätig. Dort entwickelte er die Idee, ein Soteria – Haus zu eröffnen. Er setzte dieses teilweise in Aachen im Alexianer Krankenhaus um. Seit 2012 gibt es das Soteria – Haus in Gangelt mit 10 Plätzen. Seit 2008 hat Gangelt bereits eine Soteria – Station. Es gibt keine zusätzlichen Gelder für dieses Haus von den Krankenkassen. Die personalintensivere Arbeit durch Beziehungspfleger und Bezugspersonen wird in Gangelt mit der Kürzung der Akutaufnahmeplätze gegengerechnet.

Ziel der Soteria ist so, wenige Medikamente wie möglich und so viel wie nötig einzusetzen. Teilweise kommen Patienten auch ganz ohne Neuroleptika aus.

Die Soteria – Elemente sind:

  • Keine geschlossenen Türen
  • Keine Fixierung
  • Gemeinsam Kochen und Tagesstrukturierung
  • Bezugsbetreuung
  • 1:1 Begleitung, bei Akutpatienten (und verhandeln, ob sie blieben möchten)
  • Verhandeln der Medikationen
  • Paten für neue Patienten aus der Patientengruppe

In Gangelt gibt es ein 3-Schicht – System für die Mitarbeiter / innen. Das Personal muss passen. Zentraler Punkt ist die Wohnküche; dort gibt es gemeinsame Besprechungen. Es gibt nur ein kleines „Psychologenzimmer“. Falls Einzelgespräche erforderlich sind, werden diese dort geführt oder in den Zimmern. Angehörige sind willkommen, wenn die Patienten dies wünschen.

Patienten kommen aus dem weitläufigen Bundesgebiet. Voraussetzung ist, dass der Patient absprachefähig ist und zwischen 18 und 50 Jahren. Ausgeschlossen werden Manien, suizidale Krisen.

Patienten können sich direkt an das Soteria – Haus wenden (auch in gesunden Zeiten). Benötigt wird eine Krankenhauseinweisung. Die Aufenthaltsdauer beträgt zwischen 35 und 65 Tage.

Steht eine Suchtproblematik im Vordergrund ist eine Aufnahme im Soteria – Haus nicht angezeigt. Es findet dort keine Entgiftung statt. Es wird dann mit dem Betroffenen nach Alternativen gesucht.

Es gibt eine Stationsordnung.

Das Haus ist mit Einzelzimmern und Doppelzimmern ausgestattet; diese sind relativ groß. Jeder Patient kann auch seine persönlichen Sachen mitbringen.

Es gibt eine Putzfrau; trotzdem reinigen die Patienten die Zimmer und das Haus gemeinsam.

Essenzeiten können variieren. Das Essen wird gemeinsam zubereitet.

Angehörigen – Arbeit ist wichtig; auch in der Behandlung. Die Fragen der Angehörigen werden gehört, gemeinsam mit den Patienten. In Krisenzeiten können Angehörige auch im Soteria – Haus bleiben. Auch eine Zusammenarbeit mit Arbeitgebern kann stattfinden; falls gewünscht.

Die Wartezeiten sind relativ kurz.

Personell sind im Soteria – Haus nur „Profis“ tätig (Ärzte, Pfleger…). Erfahrungen mit Ehrenamtlichen gibt es bisher nicht. Auch keine Ex – In Genesungsbegleiter (Experinced – Involvement. Ausbildung für Menschen mit Psychiatrieerfahrung).

Anmerkung: In der Soteria in Bern gibt es noch ein sogenanntes „weiches Zimmer“: Ein reizarmes Zimmer, in dem der Patient auch mit dem Bezugsbetreuer eine Auszeit nehmen kann.

Homepage und Anschrift: Gangelter Einrichtungen Maria Hilf; Soteria – Haus, Bruchstraße 6; 52538 Gangelt, Tel.: 02454 / 590. http://www.gangelter-einrichtungen.de

Unter http://www.soteria-netzwerk.de gibt es weiterführende Informationen.

Es kommt die Frage auf, ob es schon „Ergebnisse“ gibt:

  • Erklärt wird von Dr. Hinüber, dass die Patienten vor dem 2ten Schub früher in die Behandlung kommen und die Verweildauer dass kürzer ist.

Weiterhin wird gefragt, ob Patienten nach der Entlassung auch ohne Medikamente auskommen können.

  • Dr. Hinüber weist auf die Webseite der „Deutschen Gesellschaft für sozoale Psychiatrie „ hin. Dort gibt es eine Veröffentlichung über das „Reduzieren und Absetzen von Neuroleptika“. Es wird vermutet, dass Neuroleptika ggf. neurotoxisch wirken können.

Eine Angehörige berichtet von den Erfahrungen Ihres Mannes mit Neuroleptika. Er hat vor einigen Jahren Haldol nicht dauerhaft, wie von den Ärzten erwartet, sondern nur als Notfallmedikament genutzt. Wenn eine Krise kam, hat die Familie ihn in dieser Zeit aufgefangen und unterstützt. Nach der Einnahme des Haldols schlief er viel. Die Medikamente (10mg) nahm nur 3 – 4 mal. Nach der Schlafphase konnte er langsam wieder in das Familienleben integriert werden. Er war dann über 15 Jahre jeweils ein halbes bis zwei Jahre symptomfrei. Nach einem Herzinfarkt musste er Herzmedikamente nehmen. Danach wurden die symptomfreien Zeiten immer kürzer (2 – 3 Wochen). Jetzt nimmt er neue Neuroleptika.

Medikamente sollen nur mit ärztlicher Begleitung reduziert werden. In Gangelt ist dies im stationären Rahmen möglich.

Berichtet wird anschließend, dass es seit dem 3. November in der LVR Klinik im Haus 6b „Waldschlösschen“ Soteria – Elemente umgesetzt werden. Frau Sistig, Stationsleitung, berichtet, dass sehr intensiv mit Herrn Dr. Hinüber zusammen gearbeitet wurde. Für die Mitarbeiter / innen war die Umstellung sehr groß.

Neu ist:

  • Offene Türen
  • Bezugspflegekonzept
  • Verhandeln mit den Patienten
  • Angehörigen – Arbeit
  • Reduzieren der Medikation
  • Patienten werde gefragt, was für sie wichtig ist

Eine Aufnahme in Haus 6b kann gezielt nachgefragt werden. Tel.Nr. LVR Klinik Düren: 02421 / 400

Weiterführende Information: Am 30. Januar findet im Alexianer Krankenhaus Aachen das NRW Soteria Treffen statt

Abschlussrunde: Ein Stein wird in die Runde gegeben: Was hat Ihnen diese Veranstaltung gebracht (was nehmen Sie mit? Was lassen Sie hier?)

Verabschiedung und Bedanken bei der Seminargruppe (und dem Gast / den Gästen) – Hinweis auf das nächste Seminar am 17. Dezember zu dem Thema „Selbsthilfe – von der Nachsorge zum Selbstmanagement“

Dann werden auch Themen für die nächsten Termine ab März 2015 gesammelt.

Menschen, die mit folgenden Diagnosen leben müssen: Schizophrenie, Paranoia, Borderline, Bipolare Störung, Depression u. ä. mit psychotischen Symptomen tauschen sich mit Angehörigen, Interessierten und in der Psychiatrie Tätigen aus.