Selbsthilfe – von der Nachsorge zum Selbstmanagement

Protokoll des Psychoseseminars vom 17. Dezember 2014 von 19.00 – 21:15 Uhr

Moderation und Protokoll: Frau Dangel

Das Thema im Psychoseseminar am 17. Dezember 2014 lautet:

Einstieg:

In der Klinik sind die meisten Menschen unsicher und unselbständig durch die akute Erkrankung. Deshalb wird in der Nachsorge geholfen, wieder selbständig für die seelische Gesundung zu sorgen. Das bedeutet, zu wissen, wie man Hilfe bekommt.

Möchte jemand erzählen, wie er / sie nach einem Klinikaufenthalt wieder selbständiger geworden ist?

Es wird berichtet:

  • Bei mir dauerte es sehr lange. Ich war 17 Jahre „Drehtürpatient. Ich hatte wenig Selbstbewusstsein und eine große Unsicherheit. Ich habe immer das mitgenommen, was mir gut tat. Geholfen hat mit der Besuch von Selbsthilfegruppen
  • Als ich vor knapp 15 Jahren die Diagnose paranoide Schizophrenie bekommen hatte und starke Medikamente nehmen musste, war ich sehr müde und konnte wenig machen. Ich wollte ganz schnell wieder gesund werden und alles mögliche machen, dies waren aber unrealistische Ziele zu diesem Zeitpunkt. Mir wurde gesagt, dass eine Genesung viele Jahre dauern würde. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit dieser Aussage sehr unzufrieden, da ich ungeduldig war. Ich habe die meiste Zeit geschlafen und nur am Wochenende einen Nebenjob gemacht. Zwischen 2002 und 2005 gelang es mir jedoch, in einem Berufsförderungswerk eine Ausbildung zu machen und diese auch beenden zu können. Aus heutiger Sicht für mich eine Leistung, da ich zu diesem Zeitpunkt immer noch mit sehr starker Müdigkeit zu kämpfen hatte. Allerdings lebte ich auch zu dieser Zeit noch relativ zurückgezogen und hatte nur eine Hand voll an sozialen Kontakten. 2005 starb aber auch meine Mutter und ich zog in meine eigene Wohnung, in der ich heute noch lebe. Meine Mutter hatte mir zu ihrer Lehrzeit nie zugetraut, dass ich selbstständig leben könnte. 2006 merkte ich, dass die Medikation nicht ausreichend war, und ging noch mal in die Klinik dort wurde ich medikamentös nur eingestellt. Kurze Zeit zuvor besuchte ich erstmalig das Psychoseminar in Düren. Über diesen Kontakt und über die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter der Klinik gelangte ich zum betreuten Wohnen von der Kette e.V. ich konnte zum Glück in meiner Wohnung bleiben und mit dieser Unterstützung meine Wohnung halten. Zum Angebot was zusätzlich zum betreuten Wohnen in der Kette e.V. angeboten wurde, die Frühstücksgruppe, kam ich zunehmend wieder mehr unter Menschen. Nach und nach konnte ich meine Kontakte ausbauen. 2008 wurde ich Mitglied in einem Verein und ich begann meine Arbeit in der Rurtec. Ich lernte noch mehr Leute kennen und wie sie versuchen, mit ihrer Krankheit und dem Leben überhaupt umzugehen. Meine ehrenamtlichen Tätigkeiten hatte ich in der folgenden Zeit weiter ausgebaut. Ich habe gelernt, besser meine Situation und mein Sein darstellen zu können und weiß auch mittlerweile, wo man überall Hilfe bekommen kann. So konnte ich in 15 Jahren wieder zu einem selbständigen Leben finden, was nicht selbstverständlich ist. Ich bin dankbar, mit Unterstützung wieder etwas erreicht zu haben.
  • Manche Patienten kommen immer wieder in die Klinik. Die Klinik macht Angebote aber die Patienten können diese nicht immer umsetzen. Viele Patienten wissen nicht, dass der Weg auch lange dauern kann.
  • Ich hatte einen Suizidversuch im psychotischen Schub, bin auf die Fliesen gefallen, hatte Gelenke gebrochen. Trotzdem habe ich es heute geschafft. Meine damalige Frau ist auch in die Selbsthilfegruppen gegangen. Leider ist unsere Ehe heute geschieden.
  • Es gibt ein allgemeines Lebensrisiko, dass jeder Mensch hat. Psychisch erkrankte haben ein höheres Lebensrisiko.
  • Betroffene brauchen eine Erkenntnis und Kenntnis über die Erkrankung.
  • Ich lebe nach einem spirituellen Lebensprogramm. Das hilft mir, z. B. das tägliche Gebet.
  • Angehörige sind anders betroffen. Sie fragen sich, wann es „Klick“ macht; wann Gesundung und Verständnis über die Erkrankung eintritt.
  • Bei Psychose ist auch die Einsichtsfähigkeit betroffen. Das Problem ist, etwas zu planen und planmäßig zu verfolgen.
  • Angehörige haben die Sehnsucht nach einer Genesung und müssen in der Akzeptanz unterstützt werden bzgl. der Erkrankung.
  • Ich hatte in der Psychose Paranoia; Angst vor Unbekanntem. Dann habe ich mich in die Konfrontation begeben, habe mich mit der Angst vor diesem Unbekanntem konfrontiert. Die waren technische „Einrichtungen“ wie z. B. eine Webcam. Heute gehe ich kreativ mit diesen Dingen um.
  • Nach der Entlassung haben Patienten auch ganz „normale“ Probleme.
  • Geholfen haben auch Kontakte außerhalb von Psychiatrie und „online – Kontakte“
  • Selbstmanagement ist so individuelle wie die Erkrankung
  • Die Klinik sieht die Kooperationsfähigkeit des Patienten als zentral an.
  • Betroffene könnte Patienten ihren „Genesungswerg“ erzählen und dadurch helfen
  • Eine gesellschaftliche Akzeptanz wäre förderlich für die Betroffen und würde Mut machen.

Während der Gesprächsrunde werden auf dem Boden die Nennungen zwei gegenüberliegenden begriffen zugeordnet:

Klinik Selbstmanagement - Ich weiß, wie ich Hilfe bekommen
Zur Nachsorge der Klinik gehören:

Behandlungsvereinbarung

Tagesklinik

Klinikambulanz

Anregung einer gesetzlichen Betreuung,

des ambulant betreuten Wohnens,

des Besuchs von Selbsthilfegruppen

Begleitung in das SPZ

(Sozialpsychiatrische Zentrum der Kette e. V.)
Zum Selbstmanagement gehören:

Hilfe durch freundliche Menschen

Psychoseseminar

Erkenntnis über die Erkrankung

Berufsförderungswerk

Medikamente

den Alltag in Angriff nehmen

Verantwortung übernehmen

Betreutes Wohnen

Soziale Kontakte

Selbsthilfegruppen

Krisenpass

Therapie

Tagesstätte

Rurtalwerkstätten

Reha – Maßnahme

SPZ – offener Treff

PAUSE mit Getränken und Keksen

Nach der Pause werden die Themen / Vorschläge für die Seminare 2015 gesammelt:

  • Absetzen von Medikamenten, geht das?
  • Selbsthilfegruppen
  • Was ist Psychose / Depression
  • Medikamente und Wirkungen

Zwei Informationen werden gegeben:

  • Der Film „Fight Club“ stellt satirisch die „Abhängigkeit von Selbsthilfegruppen“ dar.
  • Es gibt eine Erkrankung: Intrakranielle Hypertension“ = erhöhter Hirndruck. Hier sind die Symptome ähnlich wie bei einem Hirntumor: Kopfschmerzen, Sehstörungen, nackenschmerzen, Schwindel…. Auch psychische Symptome können bei der Erkrankung auftreten, wie Depression. Es gibt eine Gesellschaft, die sich gegründet hat, um Menschen mit dieser Erkrankung zu unterstützen: Deutsche Gesellschaft für intrakranielle Hypertension, http://www.ihev.de

Als Ausklang des Seminars bekommt jeder Teilnehmer ein Blatt auf dem er / sie an sich selber Wünsche richten kann:

  • Was tut mir gut
  • Was möchte ich verändern?
  • Was soll bleiben?

Diese kann er / sie adressiert an sich selber bis zu einem selbstgewählten Zeitpunkt zuhause sichtbar liegen bleiben (Pinnwand / Kühlschrank) und später nachschauen, was sich davon erfüllt hat.

Ca. 20:30 Uhr Abschlussrunde: Ein Stein wird in die Runde gegeben mit der Frage: Was hat Ihnen diese Veranstaltung gebracht (was nehmen Sie mit? Was lassen Sie hier?)

Abschließend Verabschiedung und Bedanken bei der Seminargruppe mit dem Hinweis auf das nächste Seminar im März 2015. Die Themen werden auf der homepage des Psychoseseminars und der Kette e. V. unter: http://www.diekettedueren.de stehen.

Menschen, die mit folgenden Diagnosen leben müssen: Schizophrenie, Paranoia, Borderline, Bipolare Störung, Depression u. ä. mit psychotischen Symptomen tauschen sich mit Angehörigen, Interessierten und in der Psychiatrie Tätigen aus.