Psychose und neue Erkenntnisse aus der Hirnforschung

Protokoll des Psychoseseminars vom 15. Juni 2011 von 19.00 – 21:00 Uhr

Moderation und Protokoll: Frau Dangel

Frau Dangel begrüßt die Gäste und stellt Herr Prof. Dr. Gründer, stellv. Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Aachen und Leiter des Lehr- und Forschungsgebiets Experimentelle Neuropsychiatrie, vor.

I) Zum Einstieg in das Thema wurden 2 Thesen in die Gruppe eingebracht:

These 1:

Eine Psychose kann entstehen, wenn der Hirnstoffwechsel nicht in Takt ist.

These 2:

Lebensgeschichtliche Faktoren (Biographie und Stress) können zu einer Psychose führen.

Es entstand sofort eine Diskussion mit folgenden Aussagen:

  • Die Lebensgeschichte hat einen Einfluss auf den Hirnstoffwechsel.
  • Der Hirnstoffwechsel läuft unbewusst ab. Er wird durch Biographie und Erfahrungen beeinflusst, z. B. bei einem Trauma / besonders im frühkindlichen Stadium.
  • Der Stoffwechsel wiederum beeinflusst das Verhalten.
  • Im Gehirn besteht die Veranlagung, dass eine Krankheit ausbrechen kann.
  • Durch Schlafentzug kann eine Psychose bei allen Menschen ausbrechen.
  • Es sind Faktoren wie z. B. die eigene Verletzlichkeit / Anfälligkeit entscheidend, ob eine Krankheit ausbricht. Ist die Verletzlichkeit hoch, reichen geringe Stressfaktoren damit z. B. eine Psychose ausbricht.
  • Je länger eine Psychose nicht behandelt wird, desto schwieriger wird eine Behandlung.
  • Wenn sich Symptome über Jahre hinweg entwickelt haben, kann die Psychose chronisch werden.
  • Zwangsstörungen müssen nicht zwangsläufig zu einer Psychose führen.
  • Gene können spezifisch sein, z. B. bei Schizophrenie, bei manisch – depressiv.
  • Es gibt unterschiedliche Psychosen z. B. bei Drogen / Stress.
  • Wahninhalte sind biographisch.
  • Je länger eine Psychose nicht behandelt wird desto ungünstiger ist der Verlauf.
  • Bei einer Psychose ist der „Filter“ gestört – alles was geredet wird bezieht der Betroffene auf sich.

Es kam die Frage auf, ob durch eine frühkindliche Prägung – z. B. eine überstarke Kontrolle durch die Mutter – eine Psychose auftreten kann. Prof. Dr. Grüner erklärte, dass Erziehungsstile alleine nicht das Risiko einer Psychose erhöhen. Sie können aber den Verlauf der Erkrankung beeinflussen. Die Konstellation der Gene sei ausschlaggebend.

Kinder erkranken unter 10 Jahren nicht an einer Psychose, Jugendliche bis Mitte 20 auch eher selten. Hier wird angegeben, dass dieses möglicherweise mit der Hirnreifung zusammenhängt. Die Anfälligkeit zu erkranken erhöht sich im Erwachsenenalter. Frühkindliche Störungen (z. B. eine frühe Trennung von der Mutter) önnen dann zu einer Erkrankung (hier Depression) führen. Dies führt auch zu neurobiologischen Veränderungen im Gehirn.

Es kam die Frage auf, wie die Psychose historisch in die Entwicklung der Menschheit passt. Herr Prof. Dr. Gründer erklärte, das eine Psychose erst mit der Sprachentwicklung auftreten konnte. Als Einzelgen kann „sie“ sogar positiv für den Betroffenen sein, daher sei diese Erkrankung evolutionär nicht ausgerottet worden. Tiere können nicht psychotisch sein – eher Nervenkrank.

Es kann auch organische Ursachen für eine Psychose geben, z. B. hervorgerufen durch Antibiotikum (durch Schmerzmittel eher nicht).

II) Medikamente und Psychose

Es wurden an Herr Prof. Dr. Gründer viele Fragen zu Medikamenten und Wirkungen gestellt. Diese seien hier kurz erwähnt:

  • Wie wirken Medikamente auf den Hirnstoffwechsel? Bei einer Psychose ist der Botenstoff Dopamin zu hoch – Medikamente reduzieren diesen. Im Akutfall muss zunächst mit Medikamenten behandelt werden. Nach Rückgang der Akutsymptome wird die Lebensgestaltung in die Behandlung einbezogen – Psychoedukation

Psychoedukation auf Wikipedia

  • Wieso gibt es immer wieder Rückfälle? Die Verläufe von Psychosen sind unterschiedlich. Etwa 10 % der Erkrankten erleben keinen Rückfall, andere erleben Rückfälle bis hin zu chronischen Verläufen. Rückfälle können z. B. durch Stress entstehen. Die Wirkung der Medikamente kann über Jahre abnehmen.
  • Wie lange sollen Medikamente genommen werden? Dies ist abhängig von der Vorprägung, den Anlagen, der Schwere der Erkrankung und dem Verlauf.
  • Zerstört eine Psychose etwas Irreparables im Gehirn? – Nein!
  • Welche Medikamente werden verabreicht?
    • Haldol – in geringen Dosen (5mg) (früher in zu hohen Dosen)
    • Zyprexa – ab Mitte der 90ziger
    • Risperdal
    • Seroquel

(Es gab noch weitere Nennungen) Die Medikamente wirken meist dopaminhemmend aber auch teilweise serotoninerhöhend.

(Rithalin ist ein Stimmulanzmittel bei ADHS)

Eine Angehörige berichtete, dass ihr Mann mit sehr hohen Dosen Haldol (30mg) behandelt wurde. Er hat die Medikamente nicht genommen, weil er damit nicht leben wollte.

Eine Angehörige berichtete, sie habe gelesen bestimmte Psychopharmaka und Betablocker könnten Diabetes hervorrufen. Prof. Dr. Gründer bestätigte dies. Dies gilt aber nur für wenige Medikamente. Den Ärzten ist bewusst, dass die Medikamente noch nicht optimal sind. Sie sind aber schon viel besser geworden.

  • Kommen noch neue Medikamente auf den Markt?

Es wird noch Jahre dauern bis die Forschung neue Medikamente die z. b. auf den Botenstoff Glutamat wirken, freigibt. Ergänzt wurde hier, dass Langzeiterkrankte das Gefühl dafür verlieren, wann es ihnen gut geht. In der Forschung wird daher auch die Lebensqualität der Erkrankten erforscht.

III) Therapien + Forschung

Es wurden verschiedene Fragen zu Therapiemethoden und zur Forschung angesprochen:

  • Elektroentkrampfungstherapie, z. B, bei therapieresistenter Depression – bei Psychosen weniger
  • Hirnstimmulation, z. B. bei Morbusparkinson – Patienten, bei Depression nur wenige, bei Psychose keine Anwendung

Lässt sich eine Psychose messen? – Nein!

Gibt es Tests die eine Psychose oder Depression feststellen können? Ja, auf PC oder auch Papier – es werden eine Menge Punkte abgefragt – hierüber kann aber keine Diagnose stattfinden.

Gibt es eine Vision, Erkrankungen zu messen? Ja, mit bildgebenden Verfahren und Kernspinn. Im Kernspinn ist eine Veränderung der Hirnareale erkennbar – aber es gibt keine Bestimmung darüber, welche Veränderungen eine Psychose anzeigen. Eine Psychose ist nicht auf den ersten Blick erkennbar (Beispiel Günther Walraff: Er hat sich als scheinbar psychotischer Mensch in eine Psychiatrie einweisen lassen).

Werden Prozesse im Gehirn bei einer Psychose beschleunigt? – Nein!

Menschen, die mit folgenden Diagnosen leben müssen: Schizophrenie, Paranoia, Borderline, Bipolare Störung, Depression u. ä. mit psychotischen Symptomen tauschen sich mit Angehörigen, Interessierten und in der Psychiatrie Tätigen aus.