Psychose – eine veränderter Wirklichkeit?

Psychoseseminar am 18. Marz 1998

Vorbereitung:

  • Begrüßung und Vorstellen der Mitwirkenden

(Fr. Sch., Bundesverband Psychiatrieerfahrener, Fr. B. S., Angehörige, Fr. I. H., Ärztin)

  • einleitende Worte zur Idee des Psychoseseminars

(Fr. Sch., Fr. H.)

  • Einstimmung zum Thema — Erlebnisberichte

(Fr. Sch., Fr. S., Fr. H.)

  • Was habe ich bisher mit Psychose erlebt?

(TeilnehmerInnen äußern sich auf Zetteln)

  • Zettel an die Wand heften

P A U S E

  • Diskussion und Zusammenfassung unter dem Augenmerk

Psychose – eine veränderte Wirklichkeit

Moderation: Fr. M., Sozialarbeiterin

Ziel: Informationen zum Thema; Trialog in Gang setzen

Durchführung:

anwesendes arztliches Fachpersonal: Fr. Sch. (RK), Fr. H.

TeilnehmerInnen (insg.): 20 Personen

Infos zum Seminar: v. a. über Presse und persönliche Ansprache

Texte von den TeilnehmerInnen — Was habe ich bisher mit Psychose erlebt?

  • 1) in der akuten Phase: Verfolgungswahn — Konzentrationsschwierigkeiten — Vergeßlichkeit — Verkennungen — Euphorie, später: – schwerer Erschöpfungszustand – Depressionen — Verständnis für die Erkrankung noch nicht realisiert
  • 2) Ich hatte Wahnvorstellungen (Schattengestalt), fühlte mich bedroht, hörte Stimmen; bin jetzt 1 Jahr Psychose frei.
  • 3) Manchmal Hilflosigkeit und Ungeduld, wenn ich keinen Zugang zum psychotisch erkrankten Menschen fand. Manchmal auch Freude, zu sehen, daß sich ein Mensch (z. B. in einer manischen Phase) Dinge zu sagen traut, die er sich normalerweise nicht traut zu sagen oder Dinge tut, die er normalerweise nicht tun würde.
  • 4) – Verunsicherung/Orientierungslosigkeit — Zerrissenheit – Ärger — Ängste — Hilflosigkeit – Grenzen — Machtlosigkeit – Interesse — Faszination sowohl bei den Betroffenen als auch bei mir selbst. Mir fällt auf, daß mir als erstes sehr viel eher negative Begriffe einfallen, zweitens, daß sie eng miteinander verknüpft sind.
  • 5) Angehörige! Wie kann ich meinem Sohn helfen, wieder in die Realität zu kommen? Wie verhalte ich mich, wenn er fragt, daß ich seine Gedanken nicht sehen und erleben kann?
  • 6) Wenn ich schlecht dran war, bekam ich mein Zimmer nicht mehr in Ordnung gehalten. Ich habe ziemlich viel abgenommen. Ich war zusammengeklappt. Ich hatte meine damalige Wohnung durcheinander geworfen. Ich war sehr aggressiv, als ich in der Psychose war. Ich habe auch dann meistens Alkohol getrunken, als ich eine depressive Phase hatte. Ich hatte meine Medikamente selber abgesetzt und bin in Phasen geraten, wo es um Leben und Tod ging. Ich habe dabei noch sehr viel Glück gehabt.
  • 7) Meine Tochter ist aus der Klinik entlassen (nach 5 Monaten), 2 Kinder (7 und 4 1/2 Jahre); 1. wie lange steht eine Haushaltshilfe zu; 2. was kann man tun, wie sie hilflos dasteht?
  • 8) — viel Anstrengung, um sich gegen die Erkrankung zu wehren – Menschen leben in einer Welt, die ich von außen nur ahnen kann. – Angst davor, im Umgang mit erkrankten Menschen, etwas falsch zu machen.
  • 9) Bei Betroffenen erlebe ich: Traurigkeit, Isolation, Scham, innere Stimmen, Abwesenheit von der Wirklichkeit, große Ängste und Unsicherheiten.
  • 10) – anders zugesprochen, später Reibereien; — ich wollte das Beste und ich dachte, daß der Leiter es so wollte.
  • 11) – Zwanghaftigkeit bei Betroffenen – Hilflosigkeit bei mir – Wut bei beiden – Verständnislosigkeit bei beiden – Kreativität – Phantasie – Verletzungen
  • 12) als Angehöriger: sehr lange Trennung vom Partner durch Klinikaufenthalte; die Art und Weise der Behandlung psychisch Kranker (ausprobieren aller möglichen Medikamente!) – Einblick in Abteilungen von Krankenhäusern für psychisch Kranke. — Eine Umstellung meines eigenen Lebens.
  • 13) Menschen, die sich in abartige Handlungen hinein gesteigert haben.
  • 14) Euphorie, Schlaflosigkeit, Angst, innere Unruhe, Depressionen, Aggressivität.
  • 15) Psychose als Mittel der Realitätsflucht. Psychose aus einer langen Zeit des körperlichen Übernehmens.
  • 16) Auflösung von Grenzen. Angst. Existentielle Fragen wie Leben — Tod, Religion.. Faszination. Lebensenergie.
  • 17) Ich kann ja nicht wissen, wer gerade eine Psychose hat. So kann ich auch nicht wissen, was mit Psychose erlebt habe. Es sind ja wohl nicht alle Verhaltensauffälligkeiten eines Psychoseerfahrenen gleich wieder eine neue Psychose. Deshalb wäre es schon gut, wenn ich mehr über Psychose wüßte.
  • 18) schwer mitteilbar/verstehbar; gesunde/kranke Phasen; integrieren in den Alltag
  • 19) — Abbruch der Kommunikation, – ratlose Ärzte/Ärztinnen, – Isolation von Angehörigen / Profis und Betroffenen; – viele engagierte Menschen, die trotz der ungünstigen äußeren Umstände neue Wege suchen und gehen, – Angst und Verzweiflung am Rande der Belastungsgrenze.
  • 20) Mein Mann hat die 4. Psychose und ist derzeit das 3. Mal in der geschlossenen Psychiatrie. Als Ehefrau und Mutter fühlte ich mich sehr, sehr bedroht und hatte entsetzliche Angst um die Kinder. Er sprach immer öfter vom Töten, rannte durchs Haus nachts, weckte uns auf und sagte, er hätte Angst um uns. Der Antichrist stände vor der Tür u. ä. Auch nach 3 Wochen Krankenhausaufenthalt von ihm habe ich ständig Albträume und Zukunftsängste.

Menschen, die mit folgenden Diagnosen leben müssen: Schizophrenie, Paranoia, Borderline, Bipolare Störung, Depression u. ä. mit psychotischen Symptomen tauschen sich mit Angehörigen, Interessierten und in der Psychiatrie Tätigen aus.