PRESSEERKLÄRUNG 1995: DAS PSYCHOSE – SEMINAR IN DÜREN

Eine Psychose ist wie ein Traum ohne Erwachen, ein Traum, den man als Wirklichkeit erlebt Und dieses Erleben ist mit der häufig qualvollen Erfahrung verbunden, daß einen die anderen nicht mehr verstehen, weil sie in einer anderen Wirklichkeit leben. Umso wichtiger ist eine Verständigung über das Psychoseerleben zwischen Psychoseerfahrenen, Angehörigen oder Freundinnen und Freunden sowie all denen, die beruflich mit psychisch Kranken arbeiten.

Das Psychose – Seminar in Düren, das sich im Januar 1995 in Zusammenarbeit mit dem Sozial- psychiatrischen Zentrum Die Kette gebildet hat, hat diese Verständigung zum Ziel. In den zweimal monatlich stattfindenden Gesprächen ging es bisher um Erfahrungen von Mut und Glück, aber auch von Angst und Qual in der Psychose. Auf dieser Grundlage entwickelten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen Vorschläge, wie die Verständigung zwischen den Psychose- erfahrenen und Außenstehenden verbessert werden können und was für das Leben mit einer Psychose hilfreich und stützend ist.

Dabei geht es vor allem darum, die Einweisung in die Klinik soweit möglich zu vermeiden und ein Leben mit der Psychose im alltäglichen Lebenszusammenhang zu ermöglichen. Dies ist eine Aufgabe, die die Psychose – Erfahrenen und ihre Angehörigen nicht ohne Unterstützung durch Beratungsstellen und soziale Dienste leisten können.- Wie im Bereich der Altenpflege durch vielfältige Angebote vielen Senioren ermöglicht wird, trotz Behinderung und Erkrankung zu Hause statt in einem Pflegeheim leben zu können, so können psychisch Kranke durch geeignete Hilfen in ihrer gewohnten sozialen Umgebung leben, ohne immer wieder in die Klinik eingewiesen werden zu müssen. Solche *Hilfen sind zum Beispiel, daß die Psychose – Erfahrenen aufgrund der Beratung durch die Ärzte oder Ärztinnen lehrnen, selbst mit Medikamenten umzugehen und ein Gespür für die eigene Krankheit zu entwickeln. Dies setzt voraus, daß die Behandlung zwi- schen Arzt oder Arztin und Patienten gemeinsam vereinbart wird und daß sich die ärztliche Behandlung nicht nur auf die Phase der akuten psychotischen Schübe beschränkt. Vielmehr muß der Arzt oder die Arztin in Zusammenarbeit mit Beratungsstellen und sozialen Diensten auch vor und nach den psychotischen Schüben als Berater und Vertrauter für den Patienten oder die Patientin zur Verfügung stehen. Die ärztliche Behandlung kann dann eine Hilfe für die Psychoseerfahrenen sein, nach ihren Möglichkeiten ihr Leben selbständig und eigenverant- wortlich zu gestalten. Diese Selbständigkeit wird auch durch eine eigene Wohnung und ein eigenes Einkommen gefördert. Deshalb sollten betreute Wohngemeinschaften ausgebaut wer- den und Vermieter/innen sowie Arbeitgeber/innen beraten und unterstützt werden, wenn sie Psychoseerfahrenen eine Wohnung oder einen Arbeitsplatz bieten. Eine solche Beratung bietet zum Beispiel der Psychosoziale Dienst im Sozialpsychiatrischen Zentrum Die Kette in Düren an.

Eine ambulante Betreuung zu Hause statt der Einweisung in die Klinik erfordert zudem Hilfen fÜr die Angehörigen. Denn ohne solche Hilfen sind sie mit der Aufgabe überfordert, mit ihren psychisch kranken Kindern, Partnern oder Eltern zusammenzuleben und ihnen das Leben zu Hause und in der Familie zu ermöglichen. So müßte ein psychiatrischer Krisendienst zur Verfügung stehen, der in Notfällen umgehend helfen kann. All diese Hilfen setzen eine Verände- rung des öffentlichen Bewußtseins voraus, den Umgang mit Psychose – Erfahrenen als eine öffentliche Aufgabe zu begreifen und nicht nur den Kliniken und den Angehörigen zuzuwei- sen.

Das Psychose – Seminar möchte in seiner weiteren Arbeit den Erfahrungsaustausch zwischen den Psychoseerfahrenen, den Angehörigen und den in diesem Bereich beruflich Tätigen als einen gleichberechtigten Dialog weiterführen. Zudem sollen die Vorschläge, wie die Verständi- gung zwischen den Psychoseerfahrenen und Außenstehenden und die Möglichkeiten ambulan- ter Betreuung verbessert werden können, zusammen mit Vertretern und Vertreterinnen der Kli- nik und der psychosozialen Dienste in der Region Düren diskutiert werden. Zu diesen Sitzun- gen, die jeweils am ersten und dritten Mittwoch im Monat von 18.30 – 20.00 Uhr im Sozial- psychiatrischen Zentrum Die Kette, Düren, Zehnthofstr. 10, stattfinden, lädt das Seminar alle Interessierten ein.

Menschen, die mit folgenden Diagnosen leben müssen: Schizophrenie, Paranoia, Borderline, Bipolare Störung, Depression u. ä. mit psychotischen Symptomen tauschen sich mit Angehörigen, Interessierten und in der Psychiatrie Tätigen aus.