Positive Erfahrungen trotz Psychose/psychischer Erkrankung

Protokoll des Psychoseseminars vom 16.11.2011 von 19.00 – 20:45 Uhr

Moderation und Protokoll: Frau Kinzel

Zunächst erfolgt die Begrüßung des Auditoriums und des Gastes, Frau Bettina Jahnke, Diplom-Journalistin, Ex-In Genesungsbegleiterin und Ansprechpartnerin der Ex-In Kontaktstelle Köln

1. Zum Einstieg in das Thema wird in die Runde gefragt und darum gebeten, Stichworte auf Karten zu schreiben:

Gibt es positive Erfahrungen, die Sie als Betroffener, Angehöriger oder Profi im Zusammenhang mit Psychosen gemacht haben?

Pro Erfahrung wird von den Beteiligten eine Karte geschrieben und dann eingesammelt.

2. Die auf den Karten notierten Erfahrungen werden reihum vorgelesen und diskutiert:

  • Duellsituation / unlösbarer emotionaler Konflikt

Dieser wird jedoch als positive Erfahrung erklärt, obwohl es zunächst negativ klingt, so scheint es nach den Schilderungen der Person doch als Einleitung zu einem sehr wichtigen Klärungsprozess, dem ein vorher scheinbar unlösbarer Lebenskonflikt zugrunde lag.

Als Hilfe empfand die schildernde Person es, Traumtagebuch zu führen.

  • Bewusstseinserweiterung (intensives Erleben)

„Das ist besser als Fernsehen“, kommentiert ein Betroffener und erklärt weiter, dass es sehr viel realistischer scheint. Es wird rege diskutiert; andere Teilnehmer sehen das anders – es komme auch auf den Inhalt der Psychose an, die ja nun teils als bedrohlich etc. erlebt wird. Eine Angehörige berichtet, dass ihr Mann die Psychosen als sehr massiv erlebe. Derjenige, der das Thema eingebracht hat erwidert, dass er es positiv findet, zu lernen, damit gut umzugehen.

  • sich neu verorten, Klärung (nach der Psychose)

Es erscheint einer Teilnehmerin sehr wesentlich, nicht nur eine Diagnose zu stellen und richtige Medikamente zu verordnen, es wird als wichtig und positiv empfunden, wenn die erlebten Inhalte besprochen und wenn möglich geklärt werden könnten.

  • positive Reaktionen/Umgang von Seiten der Familie und Freunde

Zu erleben, dass Menschen, die zu dir halten wirklich „hinter dir stehen“ und nicht nur „Schön-Wetter-Freunde“ sind, erleben viele als positiv – das trennt sozusagen die „Spreu vom Weizen“, da man dann weiß, wem man wirklich wichtig ist.

Es wird diskutiert, dass manche auch negative Erfahrungen mit Reaktionen ihrer Familien und Freunde gemacht haben – hier wird nochmals erwidert, dass die Personen, die einen weiterhin respektieren und Ernst nehmen, wirkliche Freunde sind.

  • „gebliebene“ bzw. neu gewonnene Kontakte nach oder während der Erkrankung werden von Betroffenen als sehr authentisch und nicht mehr oberflächlich geschildert
  • soziale Kontakte zu „Gleichgesinnten“ werden als sehr positiv benannt
  • Selbsthilfegruppen werden als bereichernd und positiv erfahren (z.B. Selbsthilfegruppe Wendepunkt bei Depressionen und Ängsten)
  • Betreutes Wohnen – Ein Teilnehmer war positiv überrascht, dass es solche Möglichkeiten wie Betreutes Wohnen gibt, wobei man dennoch in der eigenen Wohnung leben bleiben kann, aber kontinuierlich betreut wird. Es habe sich doch schon einiges verbessert, wenn man bedenkt, dass psychisch kranke Menschen vor Jahrzehnten noch in Verwahranstalten haben leben müssen.
  • Kreative Energie während des Schubs – hiervon wird berichtet, dass dies als sehr positiv erlebt wird – in Form von Geschichten schreiben – Zeichnen – generell Ideen – neue Einfälle.

Wenn Antrieb und Kreativität erhöht sind und der Betroffene motiviert ist, „etwas in Gang zu setzen“ – hier wird diskutiert, ab wann dies unkontrolliert „ausufern“ kann z.B. in der Hypomanie/Manie

Nach einer Depression wird der wieder gewonnene Antrieb als sehr positiv erlebt – als „Umbruch“

  • Veränderte Sichtweise auf die Welt durch die neue Erfahrung wird von einigen als positiv geschildert; manche berichten davon, viel Neues ausprobiert zu haben (auch neue Therapieformen z.B. Atemtherapie u.a.); einige berichten von einer sehr positiven Entwicklung, die stattgefunden habe.
  • Neue Wege – haben sich für einige der Betroffenen ergeben: z. B. Änderung der beruflichen Perspektive, etwas sinnvolles für sich selber machen, Achtsamkeit sich selber gegenüber (was vorher nicht so war), anders mit Stress umgehen gelernt zu haben
  • Mit sich selbst besser in Kontakt gekommen zu sein, schildern manche Betroffene; Überwindung von Oberflächlichkeit, sich selbst reflektieren (nicht nur die Innensicht, auch durch Außensicht – d.h. durch authentische Kontakte und deren Rückmeldungen)
  • Wachstumskrise aus Sinn und Lebenskrise – so bezeichnet eine Betroffene ihre Erfahrung. Sie sieht ein Trauma als Auslöser der Krise, an der sie wachsen konnte.

3. Vorstellung positiver Erfahrungen von Bettina Jahnke (Ex-In-Genesungsbegleiterin und Ansprechpartnerin aus der EX-IN-NRW Kontaktstelle Köln, sie ist Expertin für Psychosen und Dipl.Journalistin)

Frau Jahnke erläutert, was Ex-In bedeutet:

Experienced Involvement, d.h. Beteiligung Psychiatrie Erfahrener

Hierzu gab es zunächst in 2005 ein Pilotprojekt von Wissenschaftlern und Betroffenen, die einen Lehr – und Lernplan zur Ermöglichung einer Ex-In-Ausbildung für psychiatrie-erfahrene Menschen entwickelten, die dazu qualifizieren sollte, als MitarbeiterIn in psychiatrischen Diensten oder als DozentIn in der Aus-, Fort- und Weiterbildung tätig zu werden. Sechs Länder waren an dem Projekt beteiligt. Seit 2008 gibt es die Möglichkeit der Ex-In-Zertifizierung, die entweder für sich selbst nutzbar ist oder die Möglichkeit bietet, an der Schnittstelle von Betroffenen und Profis als GesungsbegleiterIn zu arbeiten.

Voraussetzungen:

  • man muss eine psychiatrische Diagnose haben
  • ein mal im Monat gibt es ein dreitägiges Modul
  • max. 20 Personen mit unterschiedlichen Diagnosen (z.B. Depression, Manie, Borderline..etc.) werden pro Kurs ausgebildet
  • begleitet wird der Kurs von zwei Trainern – jeweils ein Profi, ein Betroffener
  • Der Prozess der Ausbildung ist nicht Defizit-orientiert; eine Gesundheitsfördernde Haltung steht im Vordergrund.
  • Entgegen bzw. ergänzend zur WHO-Definition von Gesundheit (d.h. Abwesenheit von körperlichen und seelischen Leiden; ergänzt EX-IN: Gesundheit als Prozess/Wachstumsprozess
  • Im Grundkurs der Ausbildung werden die eigenen Erfahrungen reflektiert
  • Im 2. Modul geht es um den Empowermentprozess
  • Im Verlaufe der Ausbildung leistet man lt. Fr. Jahnke eine schwierige emotionale Arbeit, die mit Lebensgeschichten hinterlegt ist, dass sei wirklich teils schwierig – dann aber heilend – so habe sie es erlebt
  • Die Gruppendynamik hat Fr. Jahnke positiv erlebt
  • Nach Ex-In hat jeder das Potential zur Genesung – jeder hat „den Schlüssel bei sich“
  • Man kann ein anderes Krankheitsverständnis erreichen
  • Das in der Ausbildung zum Tragen kommende Modell der Selbsterforschung ist lt. Frau Jahnke nicht gefährlich – obwohl diese Sorge nicht ganz unberechtigt sei – teilweise sei die Erfahrung retraumatisierend.

Frau Jahnke berichtet zum Schluss ihrer Ausführungen hin, dass sie mittlerweile in einem Sozialpsychiatrischen Zentrum als Genesungsbegleiterin angestellt sei. Sie sieht sich selbst als Hoffnungsträger, der anderen Mut macht und die sichtbar machen möchte, für andere Betroffene und für Profis, was ehemalige Betroffene erreichen können. Es sei sehr erstrebenswert, die Ausbildung als Gensungsbegleiterin zu einem anerkannten Berufsbild zu machen, leider sei man bislang trotz 300 zertifizierten Stunden lediglich als HelferIn eingestuft.

In einer kurzen Schlussrunde wird deutlich, dass für viele der Anwesenden die Möglichkeit des Ex-In als Chance zur weiteren Entstigmatisierung von Betroffenen hilfreich sein kann.

In der Abschlussrunde wurde des Weiteren deutlich, dass scheinbar jeder Teilnehmer für sich etwas Neues hat mitnehmen können, bzw. in seinen positiven Erfahrungen bestärkt wurde, indem diese in der Runde respektiert wurden.

Abschlussrunde – ein Stein wird in die Runde gegeben: Was hat Ihnen diese Veranstaltung gebracht? (Was nehmen Sie mit? Was lassen Sie hier?) Verabschiedung und Bedanken bei den Gästen.

Menschen, die mit folgenden Diagnosen leben müssen: Schizophrenie, Paranoia, Borderline, Bipolare Störung, Depression u. ä. mit psychotischen Symptomen tauschen sich mit Angehörigen, Interessierten und in der Psychiatrie Tätigen aus.