Paranoia, Borderline, Schizophrenie, manisch-depressiv, Persönlichkeitsstörung – alles Psychosen?

Protokoll des Psychoseseminars vom 15.09.2010 von 19.00 – 20.45 Uhr

Protokollant/in: Fr. Kinzel

Zunächst erfolgt die Begrüßung des Auditoriums und des Gastes, Fr. Dr. Kördel

1. Woran erkennen Sie als Angehöriger, Betroffener oder in der Psychiatrie Tätiger eine Psychose?

(jeder schreibt dies auf eine Karte und ein Teilnehmer des Seminars liest die Ergebnisse vor. Die Ergebnisse werden in der Runde diskutiert; Begriffe und Beschreibungen, die allen Anwesenden prägnant für eine Psychose erscheinen wurden an der Flipchart festgehalten)

Festgehalten wurden:

  • Realitätsverlust
  • Nicht mehr „Sich-Selbst“ – sein / Auflösen des Ich`s
  • Parallelwelten
  • Wahnvorstellungen
  • Gedankengewirr („Kopf läuft über“)
  • Emotionales Chaos
  • Halluzinationen
  • Kontrollverlust

Es wurden noch einige weitere Begriffe diskutiert, die jedoch keine einheitliche Zustimmungen der Anwesenden fand, weil sie bspw. auch bei anderen Krankheitsbildern oder auch in „normaler“ Verfassung auftauchen:

  • Tiefe Traurigkeit (es wurde genannt, dass diese auch nach dem Verlust eines lieben Menschen auftritt, bei Depressionen etc.)
  • Ängste und Panik (bei traumatischen Erlebnissen, realer Bedrohung, Angststörungen etc.)
  • Aggressives Verhalten (wurde sehr kontrovers diskutiert – weil viele der Anwesenden dies als Stigmatisierung psychisch erkrankter Menschen sehen, wie diese bspw. in den Medien immer wieder „hochgespielt“ wird. Ein Teilnehmer wies darauf hin, dass Aggressives Verhalten in der Allgemeinbevölkerung prozentual genau so häufig vorkommt, wie bei Menschen mit psychischer Erkrankung)
  • „Man fühlt sich innerlich leer, weil man keinen Ausweg mehr sieht.“
  • Traumwelt (wurde als Begriff abgelehnt, weil einige begründeten, dass ihre „psychotische Welt“ in der akuten Psychose oft sehr real erscheint)
  • „Eine Krankheitsphase, in der der Kranke Dinge denkt oder vielleicht tut, die nicht mit der Realität übereinstimmen)
  • „Etwas sehen, hören, fühlen, dass es so nicht gibt“
  • „Gespaltene Persönlichkeit“ (dieser Begriff wird lt. Fr. Dr. Kördel heute nicht mehr verwendet – hiermit war früher die Schizophrenie gemeint)
  • Realitätsverkennung
  • „Ferne“
  • „Ver-rücken“ der Realität

Kurze Zusammenfassung der Ergebnisse des ersten Teils

2. Es erfolgt ein kurzer Input von Frau Sieburg bezogen auf ein Buch von Cullberg: „Therapie der Psychosen“, in dem Cullberg postuliert, dass viele Erstdiagnosen zu früh gestellt werden und deshalb falsch sind. Zudem geht er davon aus, dass die meisten Menschen bei ihrer ersten Psychose traumatisiert werden und deshalb eine entsprechende psychologische Betreuung dazu brauchen.

(hierauf folgt ein kurzer Austausch der Anwesenden bzgl. ihren Erfahrungen, die sie mit Diagnosestellungen von Psychosen oder anderen Psychischen Erkrankungen gemacht haben – hier wird z.B. von einer Teilnehmerin erwähnt, dass auch bei anderen Erkrankungen falsche Diagnose/vorschnelle Diagnosen gestellt werden z.B. bei Asthma.)

3. Diagnose Psychose: Sind die im heutigen Seminarthema erwähnten Diagnosen Paranoia, Borderline, Schizophrenie, manisch-depressive Störung und Persönlichkeitsstörung alle Psychosen?

Es erfolgt eine Diskussion im Plenum und Frau Dr. Kördel geht auf die einzelnen Diagnosen hinsichtlich der Fragestellung ein, ob diese Psychosen sind bzw. dies zum Teil bei den Diagnosen vorkommen kann:

Borderline-Störung:

„Psychotische Schübe/Episoden können vorkommen; dies ist aber nicht immer der Fall.“ Die Borderline-Störung zählt zu den Persönlichkeitsstörungen.

Persönlichkeitsstörung:

Lt. Fr. Dr. Kördel ist die Persönlichkeitsstörung gekennzeichnet durch besonders ausgeprägte Persönlichkeitsmerkmale, die „nicht kommen und gehen“, wie bei Episoden anderer psychischer Krankheitsbilder. Persönlichkeitsmerkmale wie zwanghaftes Verhalten, abhängiges, narzistisch-selbstverliebtes, depressives Verhalten etc. ist in unterschiedlicher Ausprägung bei jedem Menschen vorhanden. Nur wenn diese Persönlichkeitsmerkmale eine extreme Ausprägung haben und der Mensch dadurch mit sich selbst oder anderen in Schwierigkeiten gerät, spricht man von einer Persönlichkeitsstörung.

Bei Persönlichkeitsstörungen (außer der Borderline-Störung (siehe oben), wie bspw. der abhängigen Persönlichkeitsstörung, der Narzistischen Persönlichkeitsstörung etc. kommen in der Regel keine psychotischen Episoden vor.

Manisch-depressiv (Bipolare Störung/Affektive Störung)

Lt. Frau Dr. Kördel gekennzeichnet durch emotionales Chaos (z.B. in der Manie – extrem gehobene Stimmung; in der Depression – extrem niedergedrückte Stimmung).

Bei der Manisch-depressiven Störung ist es lt. Fr. Dr. Kördel eher selten, dass diese Psychotische Ausmaße hat; dies ist dann der Fall, wenn ein Realitätsverlust hinzukommt. Es gibt die Manisch-depressive Störung mit (eher selten) und ohne psychotische Symptome).

Schizophrenie

Die Schizophrenie gilt lt. Fr. Dr. Kördel als „klassische“ psychotische Störung. Es gibt zahlreiche Unterformen (Z.B. die paranoide Schizophrenie ), die alle als Psychosen gelten. Bei der Schizophrenie „verschwimmt“ die „Ich-Grenze“ zwischen Innen und Außen. Jedoch ist nicht jedes Psychoseerleben gleich einer Schizophrenie. Hierzu müssen ganz genaue Kriterien erfüllt sein, um diese Diagnose zu stellen. Es gibt unterschiedliche Verläufe. Bei ca. 1/3 der Betroffenen kommt eine einmalige Episode vor, bei einem weiteren Drittel immer mal wieder Episoden und bei einem letzten Drittel der Menschen verläuft die Erkrankung chronisch.

Paranoia

eine seltene chronische, anhaltende Psychose, nicht zu verwechseln mit der Unterform „paranoide Schizophrenie“ (siehe oben Schizophrenie), deren Verlauf wie oben erläutert nur bei einem Drittel der Betroffenen chronisch verläuft und ansonsten einmalig oder mehrmals auftreten kann.

Abschlussrunde – ein Stein wird in die Runde gegeben: Was hat Ihnen diese Veranstaltung gebracht? (Was nehmen Sie mit? Was lassen Sie hier?)

Verabschiedung und Bedanken bei den Gästen.
Literaturhinweise:

„Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis”, Ratgeber für Patienten und Angehörige, Leitfaden für professionelle Helfer, Einführung für interessierte Laien Josef Bäuml, 2. Auflage, 2008, 21,95 €.

„Ratgeber Schizophrenie”, Hahlweg, Dose, Hogrefe-Verlag 2005, 9,95 €.

„Therapie der Psychosen“ Ein interdisziplinärer Ansatz, Johan Cullberg, Bonn 2008, ISBN 978-3-88414-435-0, 49.95 €

Menschen, die mit folgenden Diagnosen leben müssen: Schizophrenie, Paranoia, Borderline, Bipolare Störung, Depression u. ä. mit psychotischen Symptomen tauschen sich mit Angehörigen, Interessierten und in der Psychiatrie Tätigen aus.