Medikation und psychische Erkrankung

„Rohprotokoll“ März 2014

Frage: Welche Erfahrungen haben Sie mit Medikamenten gemacht?

Die Besucher schreiben ihre Erfahrungen auf je eine Karte. In der anschließenden Gesprächsrunde sprechen die Besucher darüber und ordnen ihre Erfahrungen dem + oder – auf dem Boden zu.

Negative Erfahrungen:

  • Es wird kritisiert, dass in der Klinik zu wenig über die Nebenwirkungen aufgeklärt wird. Ärztin: Die Aufklärung ist Pflicht, ist aber bei Patienten in einem akuten Schub manchmal schwierig. Die Aufklärung ist auch wichtig, weil man bei bestimmten Medikamente nicht schwanger werden sollte.
  • Die Psychiater haben oft zu wenig Zeit, die richtige Einstellung der Medikamente und die richtigen Medikamente zu finden. Ärzte vergessen auch manchmal, Laborwerte nach einiger Zeit (z.B. nach einem halben Jahr) abzuklären.
  • Sie verlangsamen die Sprache.
  • Veränderung der Wahrnehmung. Veränderung der Persönlichkeit.
  • Medikamente helfen, führen aber zu Müdigkeit, Lustlosigkeit, Akne im Gesicht, Depression und Konzentrationsschwierigkeiten.
  • Jemand hat Angst vor Wechselwirkungen. Bei dieser Person hat zweimal die Apotheke reagiert und gewarnt. Erst dadurch wurde ein anderes Medikament verschrieben.
  • Ein Besucher zweifelt die Wirkung von Antidepressiva an, weil die Depressionsphasen etwa ein halbes Jahr dauerten. 6 Jahre gab es nur wenig Wirkung. Durch Gesprächstherapie wurde es besser. Ärztin: Mittel helfen erst nach 2-3 Wochen. Man muss ausprobieren, was hilft. Manchmal ist es auch die Psychotherapie.
  • Jemand entwickelte Tics.
  • Bei Neuroleptika kann es Depressionen als Nebenwirkungen geben.
  • Man muss Nebenwirkungen in Kauf nehmen. Ärztin: Symptomverbesserungen werden oft schon nach Tagen beobachtet. Die Menschen können dann wieder klar denken.
  • Es gab bei Jemandem keine Aufklärung über Nebenwirkungen und über Abhängigkeit. Info von einer Ärztin: Stimmungsaufhellende Medikamente können abhängig machen.
  • In der Klinik bekam ein Patient so viele Medikamente, dass er nicht mehr wach wurde und auf die Intensivstation musste.
  • Viele haben Vorurteile gegen die Medikamente.
  • Ein testosteronsenkendes Mittel wurde ohne Aussprache mit dem Patient gegeben.
  • Medikamente müssen unbedingt regelmäßig eingenommen werden, wenn sie wirken sollen.
  • Der Appetit wird gesteigert bei einigen Medikamenten.
  • Bei Jemandem mit cannabisinduzierter Psychose helfen die Medikamente nicht. Sie führen zu unerträglichen Zuständen im Kopf. Die Person glaubt dann zu sterben, wird nachts wach und ist unruhig.
  • Werden die Medikamente abgesetzt, kann es schnell wieder zu einem Rückfall kommen. Info: Jeder ist selbst verantwortlich und muss entscheiden, ob er die Medikamente absetzt oder nimmt. Das ist schwierig, weil die Symptome dadurch meist schnell wieder kommen.
  • Jemand bekam von Krebsmitteln eine Depression und durch Antidepressiva erhöhte sich das Gewicht.
  • Ein Angehöriger nahm mehrere Jahre nur bei einem Schub Neuroleptika. In der Zeit zwischen den Schüben hat er ganz normal leben können.

Positive Erfahrungen

  • Die Medikamente helfen bei einem Angehörigen, um aus einem Schub heraus zu kommen.
  • Eine Besucherin ist nach einer Depression wieder im Job. Die Medikamente helfen dabei.
  • Die Medikamente helfen fast ohne Nebenwirkungen. Sie führen aber zur Gewichtszunahme.
  • Medikamente können die Angst nehmen.
  • Jemand hat durch die Medikamente kaum Angst, konstanten Blutdruck, kaum depressive Phasen und keine Appetitlosigkeit mehr.
  • Medikamente sind eine erste Hilfestellung, um auf die Beine zu kommen und überhaupt für langfristige Maßnahmen (Therapien usw.) fit zu sein.
  • Medikamente können zu einer Symptomverbesserung führen und damit zurück ins Leben.
  • Sie geben einer Person Schutz zur Bewältigung der täglichen Aufgaben und im Umgang mit anderen Menschen.
  • Medikamente ermöglichen es einem Besucher ein „normales“ Leben zu führen.

Die Ärztinnen sehen jeden Tag in der Klinik, wie schnell und gut Medikamente Menschen aus akuten Schüben holen. Sie sind deshalb erstaunt über die vielen negativen Erfahrungen.

Pause

Nach der Pause wurde auf die einzelnen Medikamententypen eingegangen:

Antidepressiva:

a) beruhigend:

  • trizyklische Antidepressiva
  • tetrazyklische Antidepressiva (werden eher im Anschluss an Psychosen gegeben.)

b) antriebssteigernd/ stimmungsaufhellend:

  • bei Angststörungen (Serotoninmangel)

Psychopharmaka wirken auf die Rezeptoren im Gehirn.

Serotoninwiederaufnahmehemmer:

  • Sexuelle Störungen und urogenitale Beschwerden.
  • Können die Lebensqualität vermindern.
  • Müssen aber manchmal trotzdem sein.

Neuroleptika:

  • Typische Neuroleptika: (alte Medikamente, z. B. Haldol)

Führt oft zu Bewegungsstörungen und zu Spachstörungen.

  • Atypische Neuroleptika: (neue Neuroleptika)

Die Bewegungsstörungen fehlen fast. Mögliche Nebenwirkungen:

    • Gewichtszunahme
    • Zuckererhöhung
    • Depressionen
    • Erektionsstörungen
    • Krämpfe
    • Müdigkeit
  • Hochpotente Neuroleptika: beseitigen akute Symptome wie Wahn, Angst und Halluzinationen.
  • Niederpotente Neuroleptika: helfen nicht gegen akute Symptome, wirken aber beruhigend

Der Arzt muss über die Fahrtüchtigkeit bei den Medikamenten aufklären.

Stein

Menschen, die mit folgenden Diagnosen leben müssen: Schizophrenie, Paranoia, Borderline, Bipolare Störung, Depression u. ä. mit psychotischen Symptomen tauschen sich mit Angehörigen, Interessierten und in der Psychiatrie Tätigen aus.