Keine Einsicht in die Erkrankung – wer übernimmt die Verantwortung im Akutfall?

Protokoll des Psychoseseminars vom 16. März 2016 von 19.00 – 21:00 Uhr

Moderation und Protokoll: Frau Dangel

Ablauf:

Begrüßung des Auditoriums und der anwesenden Gäste Frau Dangel

Vorstellung des Psychoseseminars Herr Schmidt

Ablauf des Seminars mit Pausen und Getränken und Protokoll erklären Frau Dangel

Einstieg – Frau Dangel: Wir möchte heute mit den Fragen beginnen:

Haben sie als Angehörige und Profis schon einmal die Verantwortung im Akutfall übernommen? Wurde für Sie als Betroffener schon einmal die Verantwortung im Akutfall übernommen? Wer möchte über seine Erfahrungen berichten?

Es entsteht ein reger Austausch. Berichtet wird folgendes:

  • Mein Mann nahm bei einem Schub immer einen Tag lang Haloperidol, hier kurz: Haldol . Das wollte er nicht immer. Er bekam ein- bis zweimal im Jahr einen Schub. Dann nahm er 3x10mg Haldohl. Nach der Einnahme schlief er 3 Tage. Danach war der Schub meist vorbei. Einmal musste ich ihn über das PsychKG in die Psychiatrie einweisen lassen. (Mit Psychisch-Kranken-Gesetz (PsychKG) werden die Gesetze der einzelnen Bundesländer bezeichnet, die es ermöglichen, psychisch kranke Menschen im Falle akuter Selbst- oder Fremdgefährdung gegen ihren Willen in einem psychiatrischen Fachkrankenhaus unterzubringen.) In den anderen Fällen hat es ohne PsychKG geklappt. Dann hat die Familie aufgepasst, dass meinem Mann nichts passiert. Häufig traten die Akutsituationen nachts auf. Als Angehörige wurde ich dann vom Hausarzt auch „krank“ geschrieben, weil ich in der Nacht nicht geschlafen hatte. Verantwortung für die Einnahme der Medikamente wollte ich nicht übernehmen. Diese Kontrollfunktion wollte ich als Angehörige nicht übernehmen.
  • Haldol wirkt als Akutmedikation beruhigend und dämpfend, um die psychotischen Symptome einzudämmen. Nach der Akutsituation erfolgt oftmals eine Medikamentenumstellung. Es erfolgt auch eine Behandlung der Nebenwirkungen der Medikamente.
  • Patienten, die Haldol einnehmen sollten nicht alleine sein. Haldol wirkt sehr stark. Es ist ärztliche Unterstützung notwendig.
  • Bei Selbst – und Fremdgefährdung kann die Polizei, der Krankenwagen, das Ordnungsamt und der Sozialpsychiatrische Dienst des Gesundheitsamtes (Kreis Düren) gerufen werden.
  • Auch über das Internet ist Hilfestellung möglich. Dort hatte ein User in einem Forum psychische Probleme beschrieben. Ausschnitte aus den Protokollen des Psychoseseminars konnten ihm und den anderen User helfen, das Problem ernst zu nehmen.
  • Nicht immer muss es sich um eine Psychose handeln, wenn ein Mensch wahnhafte Gedanken hat. Diese können als separate Störung auftreten und in den Alltag integriert werden. Ein Klinikaufenthalt ist dann nur unter bestimmten Gefährdungspunkten notwendig. Oftmals ist es von ärztlicher Seite schwierig herauszufinden (diagnostizieren), ob eine wahnhafte Störung vorlegt oder eine Psychose.
  • Es kommt auch vor, dass das soziale System die „Verantwortung“ im Akutfall übernimmt. Ein Betroffener berichtet, dass er sein Medikament erbrochen hatte und ganz schnell in den psychotischen Schub kam. Er war zu diesem Zeitpunkt in einem Berufsförderungswerk. Die Kollegen und Mitarbeiter konnten ihn in dieser Situation unterstützen und in die Uniklinik begleiten. Dort bekam er ein Medikament, hat 2 Tage geschlafen und konnte nach 2 Wochen entlassen werden. Das soziale System hat die Veränderung des Betroffenen erkannt. Dies ist bei vertrauter Beziehung gut möglich. Andererseits kann auch das System (die Familie) „betriebsblind“ werden.
  • Mein Mann war seit einiger Zeit oft sehr müde und sprach davon, dass er keine Lust mehr am Leben hat. Kurze Zeit später hatte er einen psychotischen Schub mit einem Selbstmordversuch. Ich bat den Arzt auch die Ursachen für die Müdigkeit zu finden, weil ich Angst hatte, er würde sonst außerhalb eines Schubs einen Selbstmordversuch starten. Dem Arzt muss das so viel Angst gemacht haben, dass er ihn mit Medikamenten zustopfte. Er wurde nicht mehr wach und kam daraufhin auf die Intensivstation eines Krankenhauses. Dort stellt man fest, dass er ein Atemgerät braucht. In die Psychiatrie musste er seitdem nicht mehr.

PAUSE

Nun möchte wir auf der Flipchart sammeln, was Angehörigen, Ärzten und Betroffenen im Akutfall hilft. Welche Aspekte spielen eine Rolle? Wir beginnen mit den Angehörigen:

Was hilft Angehörigen (im Akutfall)

  • Information und Aufklärung
  • Erfahrung
  • Vernetzung
  • Selbsthilfegruppe
  • Soziales Netzwerk
  • Behandlungsvereinbarung
  • Einbeziehung in die Behandlung
  • Beratung
  • Psychoseseminar

Was hilft Betroffenen (im Akutfall)

  • Ruhe
  • Begleitung (auch nonverbal)
  • Reizabschirmung
  • Vertrauen (falls möglich)
  • Behandlungsvereinbarung
  • Stress meiden
  • Gutes Schlafen
  • Psychoeduaktion (z. B. Station 7a / b LVR Klinik Düren)
  • Psychoseseminar
  • Frühwarnsymptome
  • Psychose vermeiden

Was hilft „Profis“ (im Akutfall)

  • Familienangehörige befragen
  • Vorgeschichte kennen
  • Entwicklung beachten
  • Information (was verträgt der Patient / was nicht…)
  • Behandlungsvereinbarung
  • Zusammenarbeit mit anderen Fachstellen
  • Behandlungseinsicht

Ca. 20:45 Uhr

Abschlussrunde: Ein Stein wird in die Runde gegeben: Was hat Ihnen diese Veranstaltung gebracht (was nehmen Sie mit? Was lassen Sie hier?)

Bedanken bei der Seminargruppe (und dem Gast / den Gästen) – Hinweis auf das nächste Seminar am 20. April zu dem Thema „Medikamente nehmen oder nicht nehmen?“. Alle weiteren Themen stehen auch auf der Homepage des Psychose – Seminars: www.psychose-seminar.info

Menschen, die mit folgenden Diagnosen leben müssen: Schizophrenie, Paranoia, Borderline, Bipolare Störung, Depression u. ä. mit psychotischen Symptomen tauschen sich mit Angehörigen, Interessierten und in der Psychiatrie Tätigen aus.