Gewalt in der Psychiatrie – Aus der Sicht der Betroffenen, der Angehörigen und psychiatrisch Tätigen

Protokoll des Psychoseseminars vom 17.05.2006

Zunächst erfolgt die Begrüßung des Auditoriums und der Ärztin Fr. Dr. Knittel und des Arztes Hr. Dr. Galke die in der RKD tätig sind

Warm up

Es sind je 1 Karte mit 2 Sätzen für die Gruppen der Betroffenen, Angehörigen und psychiatrisch Tätigen vorbereitet worden.

Für die Gruppe der Psychiatrie-Erfahrenen sind nachfolgende Sätze formuliert worden:

  • 1.Betroffene können von Ärzten und Angehörigen Gewalt erfahren.
  • 2.Betroffene können von anderen Betroffenen Gewalt erfahren und Gewalt an anderen Betroffenen erleben.

Für die Gruppe der Angehörigen wurden folgende Sätze formuliert:

  • 1.Angehörige können von Betroffenen Gewalt erfahren.
  • 2.Angehörige können von Profis eingeschüchtert und ausgeschlossen werden.

Für die Gruppe der psychiatrisch Tätigen wurden folgende Sätze formuliert:

  • 1.Profis können von Betroffenen Gewalt erfahren.
  • 2.Profis können vom Arbeitssystem demoralisiert und überfordert sein.

Die Karten werden in zwei Runden vorgetragen.

Die erste Frage ins Auditorium lautet:

1. Welche Gewalterfahrung haben sie in der Psychiatrie gemacht?

Dazu werden unterschiedliche Meinungen kundgetan:

Für einen Besucher war es der Entzug von Grund- und Wahlrecht. Die Gesellschaft habe Angst vor seelisch Erkrankten und die Integration bzw. Reintegration finde nicht statt. Unbequeme Patienten würden bequem gemacht. Die Pharmaindustrie würde daran verdienen.

Ein anderer Besucher hat passiv mit ansehen wie eine Frau fixiert wurde, die dann von Mitpatienten befummelt wurde und unter sich machen musste. Darin war für den Betroffenen Seminarbesucher eine zusätzliche Traumati-sierung zu sehen. Fixierung wird insgesamt als ein Akt der Gewalttätigkeit gegenüber psychisch Erkrankten angesehen. Jedoch wird auch der Aspekt betont, dass es Situationen gibt, in denen man die Reaktionen des Gegenübers nicht mehr einschätzen kann. Jemand könnte sich oder anderen Schaden zufügen. Es gibt Situationen, in denen jemand tobt und sich am nächsten Tag nicht mehr daran erinnert. Ein Teilnehmer sollte eine Spritze bekommen und dachte er bekommt eine Todesspritze und wurde dann fixiert. Für eine Teilnehmerin ist die gezwungene Einnahme von Medikamenten ein Akt der Gewalttätigkeit. Sie vermisst die Aufklärung über Medikamente (Neben-wirkungen und Langzeitwirkung), die man ihr zur Einnahme verschreibt.

In Verlauf des Seminars kommt es zur Verdichtung des Themas um den Begriff „Compliance“. Darunter versteht man Einvernehmen und Miteinander mitgehen (Arzt und Patient). Eine Teilnehmerin erzählt, dass sie die Medikation verändern möchte, jedoch nicht im Einvernehmen mit der behandelnden Ärztin ist. Wie kommt man nun zur Compliance mit Ärztin und Betreuerin? Es wird der Entwurf einer Strategie für sie erarbeitet. Sie kann zusammen mit der Betreuerin einen Termin bei der Ärztin machen und sich einen differenzierten Notfallplan erstellen. Darin werden Situationen vorbereitet, in denen die Betroffenen selbst handeln kann, wenn z.B. die Medikation erniedrigt wird. Was kann ich tun, wenn sich mein Zustand verschlechtert? Welche Bedarfsmedikation nehme ich in welcher Dosierung. Es wird auch noch geäußert, dass in der Soteria-Bewegung die Verschiebung der Verantwortung von der Betroffenen/ dem Betroffenen auf andere stattfindet. So übernimmt jemand nicht für sich selbst die Verantwortung und geht nicht aus der Klinik hinaus (bei Zwangseinweisung – geschlossener Unterbringung), sondern wird von Fremden davon abgehalten zu gehen.


Es folgt eine Pause von etwa 10 Minuten.

Danach wird die zweite Frage gestellt:

2. Wie kann ich Gewalt in der Psychiatrie verringern?

  • Es werden nachfolgende Gedanken dazu geäußert:
  • Man könnte Behandlungsvereinbarungen machen. Diese vor oder nach einem Schub in einem Zustand der Klarheit.
  • Man könnte sich das Ranking von Ärzten im Internet anschauen, bevor man sich in die Klinik verbringt
  • Ärzte sollten den Patienten vor der Einnahme eines oder mehrerer Medikamente leichter eine Medikamentenbeschreibung geben.
  • die Station H 11 sollte mehr geöffnet werden
  • sich selbst besser abgrenzen
  • Über pflegerische Maßnahmen mehr informiert werden, dass nimmt die Ängste
  • In den Kliniken durch mehr Aufklärung die Angst nehmen
  • Als Angehörige mit dazu genommen werden
  • Ruhige Atmosphäre auf Station schaffen
  • Schreitherapie
  • Passives Verhalten – keine Panik

3. Blitzlicht (Was nehme ich heute Abend für mich mit?)

Frau Dr. Knittel teilt mit, dass sie das Seminar nun 3 Jahre begleitet habe und nun, hauptsächlich aus zeitlichen Gründen nicht mehr weiter begleiten wird. Hr. Dr. Galke meldet dies ebenso an. Beide wollen sich jedoch um Nachfolger in der Klinik bemühen.

Es folgt noch ein Hinweis auf das nächste Seminar am 21. Juni 2006 zum Thema: Sonderstatus für Psychose – Erfahrene? – Müssen Psychose – Erfahrene in Watte gepackt werden?

Menschen, die mit folgenden Diagnosen leben müssen: Schizophrenie, Paranoia, Borderline, Bipolare Störung, Depression u. ä. mit psychotischen Symptomen tauschen sich mit Angehörigen, Interessierten und in der Psychiatrie Tätigen aus.