Geheimhaltung der Erkrankung – geht das gut?

Das Thema im Psychoseseminar am 17.05.2017 lautet:

Geheimhaltung der Erkrankung – geht das gut?“

Einstieg – Frau Dangel : Zum heutigen Thema „Geheimhaltung der Erkrankung – geht das gut?“ möchten wir Sie zunächst fragen, welche Erfahrung Sie als Erfahrener, Angehöriger oder Helfer gemacht haben? Wir sammeln zunächst die Aussagen stichpunkthaltig, später wollen wir sie ordnen.

Seminarteilnehmer berichten:

  • Ich habe eine erkrankte Tochter. Lange Zeit habe ich viel Kraft damit vergeudet so zu tun als ob alles in Ordnung sei. Dann wurde ich offen nach außen. Dadurch wurde Kraft frei. Es gingen Freunde verloren aber es wurden auch neue Freunde gefunden. Somit empfehle ich, offen mit dem Thema umzugehen. Es werden auch andere dann offen und es kann Kraft geben.
  • Meine Mutter ist gerontopsychiatrisch untergebracht. Ich begleite sie die gesamte Zeit. Es hat eine starke Veränderung gegeben. Für mich gibt es viele Probleme im Umgang mit der Mutter. Ich habe viel Kraft verloren durch die Begleitung. Sie ist jetzt 80 Jahre und entwickelte einen regelrechten Jugendwahn. Jetzt ist sie im Pflegeheim und sehr uneinsichtig. Früher hatte sie sehr auf ihre äußere Fassade geachtet. Uns ist die Erkrankung erst gar nicht aufgefallen. Nach einer Krebserkrankung brach sie aus. Viele im Freundeskreis verstehen es nicht, dass ich damit so beschäftigt bin. Sie fragen: „ Gibt es auch noch ein anderes Thema“? Ich fühle mich unsicher und hilflos mit der Erkrankung der Mutter. Sogar schuldig.
  • Ich bin selber betroffen und schon immer krank. Als Kind wurde ich wenig behandelt. Als Erwachsene hat sich das Leben völlig verändert. Es ist bei mir gar nicht möglich meine Erkrankung geheim zu halten, z. B. wegen der Arbeit in der WfB. Das wäre anderen gegenüber auch nicht fair und es wäre auch schlecht für mein Selbstbewusstsein. Es würde sowieso irgendwann auffallen.
  • Es stellt sich die Frage ob es sinnvoll ist, ganz offen mit der Erkrankung umzugehen. Nichterkrankte können meist die Erkrankung nicht verstehen.
  • Ein Mann berichtet über seine Alkoholerkrankung. Diese habe er Jahrzehnte lang versteckt. Er ist das selber schuld. Das „Outing“ habe ihm Bewunderung gegeben.
  • Ein weiterer Mann berichtet, dass es für ihn nie notwendig war, seine psychische Erkrankung zu benennen. Bei der Suchterkrankung sei das anders. Das ist aber individuell. Er hat es seinem Arbeitgeber mitgeteilt. Der hat ihn unterstützt. Es war für ihn eine Befreiung sich zu öffnen. Offenheit muss jeder für sich finden und üben. Die Gesellschaft kann nicht immer damit umgehen.
  • Weiter berichtet ein Mann von seinem Drogenkonsum. Er habe oft die Nächte durchgemacht. Es sei dann schwer erkrankt an Schizophrenie / Psychose. Er habe viel im Internet geschrieben. Auch zu seiner Erkrankung. Er komme aus einer baptistischen Familie. Sein Vater hatte immer nur eine Fassade. Jetzt sind alle Familienmitglieder in Therapie.
  • Eine Ärztin meldet sich zu Wort. Auch in der Behandlung gibt es Unsicherheit, z. B. wenn sich ein Patient nicht mitteilen kann.

Nach der Pause erfassen wir an der Flipchart, welche positiven und welche negativen Aspekte die Geheimhaltung der Erkrankung hat.

PositivNegativ
Freundschaften
Offenheit steckt an
Authentisch
Selbstwert (Arbeit)
Behandlung wird besser
Partnerschaft und Arbeit / Karriere
Unverständnis
Unsicherheit
Hilflosigkeit
Schuldfrage
Reduzierung auf Krankheit
Angst (Angehörige / Betroffene)
Behandlung wird schwierig (Angst etwas zu übersehen)
Angst vor Medikation

Abschließend fragen wir,, wonach sich nun die Entscheidung der Geheimhaltung richtet?

Es gibt folgende Nennungen:

  • Es ist individuell
  • Das Positive ist viel größer als das Negative, denn es führt zur Genesung
  • Bei einer Öffnung ist erst eine wirkliche Teilnahme an der Gesellschaft möglich
  • Verschwiegenheit kann auch helfen sich zu schützen
  • Die Öffnung richtet sich auch nach dem Feedback des Gegenübers
  • Humor kann helfen; Lachen ist wichtig
  • Auch Kontakte außerhalb des „psychiatrischen Kreises“ helfen offener zu werden
  • Alle sind Menschen wie „Du und ich“
  • Begegnung ist wichtig
  • Öffnen kostet Mut – danach ist es besser

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Ca. 20:30 Uhr

Abschlussrunde: Ein Stein wird in die Runde gegeben: Was hat Ihnen diese Veranstaltung gebracht (was nehmen Sie mit? Was lassen Sie hier?)

Bedanken bei der Seminargruppe (und dem Gast / den Gästen) – Hinweis auf das nächste Seminar am 21. Juni zu dem Thema „Partnerschaft trotz psychischer Erkrankung“. Es werden auch neue Seminarthemen für das 2te Halbjahr gesammelt.

Menschen, die mit folgenden Diagnosen leben müssen: Schizophrenie, Paranoia, Borderline, Bipolare Störung, Depression u. ä. mit psychotischen Symptomen tauschen sich mit Angehörigen, Interessierten und in der Psychiatrie Tätigen aus.