Absetzen von Medikamenten, geht das gut?

Protokoll des Psychoseseminars vom 17. Juni 2015 von 19.00 – 21:15 Uhr

Moderation und Protokoll: Frau Dangel

Ablauf:

Begrüßung des Auditoriums und der anwesenden Gäste: Frau Dangel

Vorstellung des Psychoseseminars: Herr Schmidt

Ablauf des Seminars mit Pausen und Getränken und Protokoll erklären: Frau Dangel

Einstieg – Frau Dangel:

Heute ist das Thema: Absetzen von Medikamenten – geht das gut? Wir möchten nun fragen, welche Erfahrungen Sie mit dem Ansetzen oder Gebrauch von Medikamenten gemacht haben. Wir bitten Sie, Ihre Erfahrungen auf verschiedene Karten zu schreiben und diese zunächst zu behalten: blau für Angehörige, grün für Betroffene und gelb für Fachleute (weiß als neutrale Karte). Anschließend wollen wir die Karten vorstellen (wer mag) und auf dem Boden farbig zuordnen.

Die Nennungen der in der Psychiatrie Tätigen lauten:

  • Depressionen und Ängste kommen wieder
  • Betroffene fühlen sich oftmals aktiver ohne Medikamente
  • Betroffene sind aufgeregter ohne Medikamente
  • Wiederauftreten der Erkrankung z. B. Psychose
  • Ohne Absprache mit dem Arzt > unerwünschte Wirkungen
  • Manchmal muss man gut abwägen zwischen den Nebenwirkungen der Medis und dem Risiko des Rückfalls.
  • Viele Patienten müssen für sich die Erfahrung machen, dass sie ohne Medis immer wieder krank werden, bevor sie für sich akzeptieren, dass sie diese brauchen.
  • Als Ärztin sehe ich häufig Patienten, die nach dem Absetzen der Medis wieder erkranken. Diejenigen, die danach gesund bleiben sehe ich natürlich nicht.
  • Absetzen der Medikamente am besten nur in Absprache mit dem Arzt und mit regelmäßiger Kontrolle; also geplant

Die Nennungen der Betroffenen sind:

  • Ich habe verschieden Erfahrungen mit dem Gebrauch und der Einnahme von Mendikanten gemacht.
  • Bei Ansetzen langsam ausschleichen und nach Rücksprache mit dem Arzt
  • Endogene Depression > Stoffwechselstörung im Gehirn > Tabletten nicht absetzen
  • Nach Absetzen der Medikamente habe ich einen ganz bösen psychotischen Schub bekommen
  • Es ging zuerst gut, dann kam der Entzug und ich wurde wieder krank (Klinik). Auch immer nach Absprache mit dem Facharzt
  • Wenn ansetzen, sehr langsam; in 10% Schritten > gute Erfahrung
  • Zu schnelles absetzen von Medikamenten führt zurück in die Psychiatrie
  • Körperliche Symptome beim Absetzen: Schwindel, Unruhe, aggressive Momente, aber wiederkehrendes Zeitempfinden (Gedächtnis > nicht mehr so vergesslich); wieder strukturiertes Denken möglich; nicht mehr so getrieben wie ein Roboter, der funktioniert; Abklingen von Muskelschmerzen und Herzrasen.
  • Seit Anfang des Jahres eine von zwei Medikamenten reduziert. Keine Veränderung; keine Probleme. Nach 15 Jahren die erste Reduzierung, 2001 erst zwei Jahre Psychose wegen Übelkeit Medikation erbrochen, in 2 Tagen in den Schub, aber in nur 2 Wochen wieder aus der Klinik. Letzer von nur 2 unkontrollierten Schüben.
  • Bei Depression auf keinen Fall absetzen.

Die Nennungen der Angehörigen lesen sie wie folgt:

  • Sehr gute Erfahrungen mit „Gefühls – Protokollen“: Befindlichkeit; Schmerz, Blutdruck, Medikamente. Zur Dosierung bzw. Selbstdosierung von Bedarfs – Medikation
  • Schlechte Erfahrungen – Herabsetzen nur mit ärztlicher Abstimmung möglich
  • Jeder Absetzversuch führt zu einem psychotischen Schub
  • Aus meiner Sicht ist er jetzt ein ganz neuer Mensch (positiv)
  • Nach dem Absetzen war mein Mann wieder mein Mann und kein Zombie mehr. Ohne Medikamente ist mein Mann oft rückfällig geworden. Die Schübe endeten oft in Selbstmordversuchen. Wenn mein Mann einen Schub hatte hat er Haldol zuhause als Notfallmedikation genommen. Nach 3 Tagen schlafen war er wieder fit.

Zum Schluss ein neutraler Beitrag auf einer weißen Karte:

  • Ich erlebe immer wieder, dass Betroffene schon kurze Zeit nach Klinikaufenthalt oder Einstellung auf Medis diese wieder absetzen wollen, da es ihnen so gut geht. Die Einsicht, dass es ihnen meist jedoch nur wegen der Medis gut geht kommt erst beim 2ten oder 3ten Mal. Trotzdem: „so viel wie nötig und so wenig wie möglich“ auch wegen Abhängigkeit bei einigen Stoffen.

In der gemeinsamen Diskussion ergaben sich weitere Aspekte:

  • Angehörige sind auch hilflos, denn sie wissen nicht immer um die Gefühle der Betroffenen und wie diese sich mit Medikamenten verändern. Hier kann ein Medikamentenprotoll helfen.
  • Zusätzliche Schwierigkeiten haben erblindete Betroffene, da die Beipackzettel nicht in Blindenschrift sind.
  • Junge Patienten brauchen zunähst Zeit sich mit der Erkrankung auseinander zu setzen. Es gibt auch einen Verlauf in der Medikamenteneinnahme, der sich im Lebensverlauf ändert. Regelmäßige Arztgespräche sind unerlässlich.
  • Ein Betreuer kann bei psychischer Erkrankung helfen, die Entscheidung einer Krankenhauseinweisung zu übernehmen. Dann kann eine „Zwangseinweisung nach PsychKG verhindert werden.

Pause


Nach der Pause haben wir uns mit der Frage beschäftigt: Was braucht es, um Medikamente zu reduzieren oder abzusetzen?

Es werden genannt:

  • Man braucht Zeit und Geduld
  • Ärztliche Begleitung
  • Soziales Umfeld mit einbeziehen
  • Auf die Symptome achten
  • Frühwarnsymptome kennen
  • Kommunikation (mit Arzt und Familie)
  • Sport u.ä.
  • Unangenehme Symptome aushalten (nicht mit Drogen übertünchen)
  • BEWO / Betreuer
  • Auf Individualität achten (individuelle Lösungen)
  • Selbsthilfegruppen / Psychiatriepaten / Psychiatrieerfahrene
  • Information beschaffen
  • Kommunikation der Ärzte untereinander und mit Patienten und Angehörigen
  • Soteria – (Gangelt und Haus 6 in Düren): besondere Form der Behandlung von Psychosen mit wenig Medikation

Ca. 20:30 Uhr

Abschlussrunde: Ein Stein wird in die Runde gegeben: Was hat Ihnen diese Veranstaltung gebracht (was nehmen Sie mit? Was lassen Sie hier?)

Bedanken bei der Seminargruppe (und dem Gast / den Gästen) – Hinweis auf die Sommerpause und die neuen Themen! Alle Protokolle und Informationen finden Sie auch auf der homepage des Psychose – Seminars unter www.psychose-seminar.info, sowie die neuen Themen und Termine!

Einige Seminarbesucher füllen weitere Frageböger für die Hamburger Studentengruppe aus, die eine wissenschaftliche Erhebung zu Psychoseseminaren durchführt.

Menschen, die mit folgenden Diagnosen leben müssen: Schizophrenie, Paranoia, Borderline, Bipolare Störung, Depression u. ä. mit psychotischen Symptomen tauschen sich mit Angehörigen, Interessierten und in der Psychiatrie Tätigen aus.